Offene Beziehung – mehr Abwechslung, mehr Spannung, mehr Risiko

Das Thema der offenen Beziehung beschäftigt Paare jeder sexuellen Orientierung. (Bild: Image Source)
Eine offene Beziehung führen – wie funktioniert das? Die Mannschaft sprach mit einem Paartherapeuten und schwulen Männern, die in einer solchen Beziehung leben.

Eine Begegnung in der Bar, im Bus, im Fitnessclub. Zwei Blicke treffen sich und entfachen ein Liebesfeuer, das lichterloh brennt! Einen Sturm der Leidenschaft, der durch die Herzen tost und die Frischverknallten in den siebten Himmel wirbelt! Am Anfang der Beziehung: Nichts ausser strahlendem Sonnenschein, es herrscht pure Harmonie. Jedes Wort, jede Bewegung, die gesamte Zweisamkeit wird von luftiger Leichtigkeit getragen. Der Sex? Oh! Mein! Gott! Der morgendliche Mundgeruch des Liebsten? Reinstes Parfüm! Sein Schnarchen? Der Soundtrack der Liebe! Alles ist perfekt! Und so entsteht bei beiden Beteiligten die Gewissheit, füreinander bestimmt zu sein, sich für den Rest des Lebens zu genügen und treu zu bleiben, sowohl emotional, als auch sexuell. Für immer und ewig, bis dass der Tod sie scheidet.


Spannung adieu, Alltag hallo!
Meist währt diese Disneyromantik nicht allzu lange. Vieles fühlt sich bald «normal» an. Das Kribbeln im Bauch und das Prickeln auf der Haut werden schwächer. Dafür wandelt sich die Verknalltheit in Liebe um. Vertrautheit und das Gefühl, beim Freund oder der Freundin zuhause zu sein, ersetzen die anfängliche Spannung und den Reiz des Unbekannten.
Liebe und Vertrautheit, es sind schöne Gefühle. Doch scheint dies manch einem nicht zu genügen, um vollkommen zufrieden zu sein. In Paarbeziehungen geschieht es immer wieder, dass sich die Partner zwar lieben, ihnen aber in sexueller Hinsicht etwas fehlt. Dies veranschaulicht eine Umfrage des Newsportals 20minuten online, an der über 12’400 Personen teilnahmen. 47 Prozent der Befragten gaben an, ihren aktuellen Partner schon einmal betrogen zu haben, wobei die Rede nicht nur von «Fremdknutschen oder ein bisschen rummachen» sei.

Verbotenes vs. erlaubtes Fremdgehen
Dies ist eines von zahlreichen Beispielen, die klarmachen: Treu sein scheint auf Dauer schwer zu fallen. Das Bedürfnis nach dem sexuellen Kick, das Verlangen nach einem unbekannten Körper und die Verlockung des Neuen werden bei vielen irgendwann übermächtig. Sie gehen fremd, Liebe hin oder her. Gerade auch vor diesem Hintergrund geschieht es vermehrt, dass Paare der sexuellen Treue abschwören. Sie entscheiden sich gegen die monogame und stattdessen für eine offene Beziehung – ein Beziehungsmodell, bei dem die Partner einander Sex mit weiteren Personen zugestehen. «Mitunter wird das Ziel verfolgt, ein sexuell offeneres Leben zu führen», sagt Paartherapeut Ferdinand Krieg aus Berlin. Auch die Möglichkeit, Bestätigung zu erfahren und die Sehnsucht nach Abwechslung im Leben bewegen Menschen dazu, diese Art der Partnerschaft zu wählen. Schliesslich könne auch der Gedanke eine Rolle spielen, dass die eigene Beziehung auf diese Weise weniger schnell einschlafe oder vielmehr an Spannung gewinne, sagt Krieg.

«Der Wunsch nach einer romantischen, exklusiven Liebesbeziehung mit dem Idealpartner ist noch immer weit verbreitet.»

Gemäss der Umfrage von 20minuten online dachten 42 Prozent der Teilnehmenden schon über einen Wechsel zur offenen Beziehung nach, 16 Prozent der Befragten haben eine solche bereits geführt. Zahlen, die zeigen: Das Prinzip der monogamen Beziehung ist nicht mehr in Stein gemeisselt.





Häufigeres Ausprobieren dank neuer Freiheiten
Mehr und mehr Menschen setzen sich also mit der Frage auseinander, wie sie ihr Beziehungsleben ausgestalten sollen. Dabei würden sich zwar auch weiterhin viele an der klassisch-bürgerlichen Ehe orientieren, sagt Ferdinand Krieg. «Der Wunsch nach einer romantischen, exklusiven Liebesbeziehung mit dem Idealpartner ist noch immer weit verbreitet.» Gleichzeitig beobachtet er aber auch ein vermehrtes Experimentieren mit verschiedenen Beziehungsformen. Dieser neue Trend sei möglicherweise Zeichen einer neu gewonnenen Freiheit. «Wir werden nicht mehr von Institutionen oder von der Dorfbevölkerung dahingehend kontrolliert, wie und mit wem wir zusammenleben.» Daher nehme auch die Offenheit gegenüber neuen Lebensmodellen zu – Modellen wie der offenen Beziehung, bei der sich die Partner zwar auf der Liebes- und Beziehungsebene treu sind, nicht aber, wenn es um Sex geht.

Schwule und Lesben haben laut Ferdinand Krieg womöglich mehr Spielraum für das Ausprobieren unterschiedlicher Alternativen.
Schwule und Lesben haben laut Ferdinand Krieg womöglich mehr Spielraum für das Ausprobieren unterschiedlicher Alternativen.

 

Chance – gerade auch für Homo­sexuelle
Das Thema der offenen Beziehung beschäftigt Paare jeder sexuellen Orientierung. So waren beispielsweise mehr als 90 Prozent der Teilnehmenden der erwähnten Umfrage heterosexuell. Die Frage nach einer allfälligen Öffnung der Beziehung ist aber gerade auch bei Homosexuellen mitunter besonders präsent. Dies, weil sie ihr Zusammensein jenseits klassischer Normen definieren. Schwule und Lesben haben laut Ferdinand Krieg womöglich mehr Spielraum für das Ausprobieren unterschiedlicher Alternativen. «Das klassische Ehemodell passt bei gleichgeschlechtlichen Paaren nicht immer. Vielleicht fehlen auch einfach mehrere Generationen schwuler und lesbischer Paare, die ein bestimmtes Beziehungsvorbild vorlebten.» Schliesslich konnten Homosexuelle ihre Beziehungen aus politischen und gesellschaftlichen Gründen lange Zeit nicht öffentlich leben. «Viele gleichgeschlechtliche Paare nutzen dies aus», sagt Krieg. «Unabhängig von zu vielen Vorgaben definieren sie ihr Beziehungsleben selbst.»

Weniger Druck
So zum Beispiel Philipp aus Zürich und sein Freund: Sie sind seit sieben Jahren ein Paar und pflegen eine offene Fernbeziehung. Philipps Partner lebt in Deutschland, die beiden sehen sich rund alle vier Wochen für ein verlängertes Wochenende und verbringen die Ferien gemeinsam. Grund für die Öffnung der Beziehung sind vor allem unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse. Während Philipps Libido aktiver ist, verspürt sein Partner weniger Verlangen. «Wir wollten uns deshalb von Anfang an den Druck ersparen, stets Sex haben zu ‹müssen›, wenn wir uns sehen», erklärt Philipp. «Und da mein Freund nicht möchte, dass ich seinetwegen auf etwas verzichten muss, haben wir uns für die offene Beziehung entschieden.» Weniger Druck im Sexleben – darin liegt auch für Jürg aus St. Gallen einer der Vorteile der offenen Beziehung. Eine solche führen er und sein Freund seit elf Jahren. «Meiner Meinung nach können zwei Menschen nie alle sexuellen Bedürfnisse und Wünsche des anderen erfüllen», sagt Jürg. Insofern entlaste eine offene Beziehung die Partnerschaft. Man könne sich bei anderen holen, was man vom Freund nicht erhalte und umgekehrt. «Den Sex betreffend muss sich auf diese Weise niemand verbiegen und allzu sehr anpassen, um den Wünschen des Partners zu entsprechen. Mich beruhigt das.»

«Meiner Meinung nach können zwei Menschen nie alle sexuellen Bedürfnisse und Wünsche des anderen erfüllen»

Neue Aspekte, neue Inputs
Eine offene Beziehung kann das Sexleben nicht nur entspannen, sie sorgt mitunter auch für Abwechslung und neue Stimulation. «Manchmal wirkt es erotisierend, wenn ich weiss, dass mein Freund Sex mit weiteren Männern hat», sagt Jürg. Es sei schön zu sehen, dass er auch von anderen begehrt werde. Zudem sorgten die Fremdbegegnungen für neue Impulse: Man erlebe und entdecke Dinge, die man in der eigenen Beziehung nicht gesehen hätte. «Im Sinne von ‹Oh, das könnten wir auch einmal ausprobieren›. Das ist spannend.»

4 Tipps vom Paartherapeuten:

1. Grenzen setzen
Es ist empfehlenswert, sehr genau zu definieren, welche Grenzen es geben soll und wo die Freiheit aufhört.
Insofern ist fremdgehen auch in einer offenen Beziehung möglich: Als Regelübertretung gepaart mit Unaufrichtigkeit.

2. Zusammenhalt der Beziehung kennen
Die Partner sollten eingehend über jenen Bereich des Zusammenlebens sprechen, der geschützt ist und nicht aufgegeben wird. Jenen Bereich also, der für andere Männer tabu ist. Zudem ist es ratsam, den inneren Halt der Beziehung zu betonen.

3. Mögliche Veränderungen ansprechen
Wichtig ist eine Diskussion über die möglichen Auswirkungen und Veränderungen, die auf der Beziehungsebene eintreten könnten.

4. Gemeinsam die Spielregeln machen
Sicher nicht falsch ist ein konkretes Regelwerk: Wo treffen wir andere Männer? Nur einmal mit derselben Person oder auch mehrere Male? Darf man jemanden nach Hause bringen? Was ist, wenn wir uns verlieben? Ist ein Veto möglich? Solche Fragen sollten geklärt werden.

Verstärkung der Emotionen
Für Jürg und Philipp ergeben sich auch auf der Gefühlsebene Vorteile. «Es klingt vielleicht kitschig», sagt Philipp, aber der Sex mit anderen Leuten mache ihm immer wieder klar, dass sein Freund der Richtige für ihn sei. «Das Gras ist auf der anderen Seite nicht grüner, wie man so schön sagt.» Die emotionale Komponente der Beziehung käme noch deutlicher zum Vorschein. «Man merkt: Was die Gefühle angeht, funktioniert es mit meinem Partner am besten.» Für Philipp ist die Öffnung der Beziehung auch ein grosser Vertrauensbeweis. «Mein Freund vertraut mir, dass ich keine Krankheiten in die Partnerschaft schleppe.» Dies verstärke die emotionale Nähe und Verbundenheit zusätzlich.
Jürg hat die gleichen Erfahrungen gemacht. Durch die Aktivitäten ausserhalb der Beziehung sehe man besser, «was man am eigenen Partner hat – sowohl sexuell als auch emotional». Zum Beispiel würden sie beide dazu tendieren, ihre Fremdbegegnungen jeweils runterzuspielen, wenn sie darüber sprechen. «Wir sagen manchmal Dinge wie ‹War nichts Besonderes heute›, so in der Art», meint Jürg und lacht. Für ihn ist das ein Ausdruck gegenseitiger Wertschätzung. «Es zeigt, dass wir zwei uns noch immer am meisten mögen.»

«Das Gras ist auf der anderen Seite nicht grüner, wie man so schön sagt.»

Solide Beziehungsbasis als Grund­voraussetzung
Ein entspanntes und bereichertes Sexleben, eine Verstärkung der gegenseitigen Zuneigung – die positiven Auswirkungen, die eine offene Beziehung haben kann, klingen gut. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass dieses Partnerschaftsmodell auch Gefahren birgt und nicht immer eine einfache Lösung ist. «Schwierig wird es, wenn etwa einer der Partner die Öffnung der Beziehung nicht wirklich freien Herzens bejahen kann und sich in Konkurrenz zu den anderen Männern sieht», warnt Ferdinand Krieg. «Erfahrungsgemäss vor allem dann, wenn ein Partner mehr liebt und eher den Wunsch nach einer exklusiven Bindung verspürt, als der andere.» Zudem sei es kompliziert, wenn Liebe und Verbundenheit fehlten und die Beziehung kein solides Fundament habe. «Dann besteht die Sorge, dass zwischen den Partnern keine wirklich gefestigte Vertrautheit besteht.» Für Ferdinand Krieg ist auch klar, dass eine Öffnung der Partnerschaft keine Lösung für allgemeine, bereits bestehende Probleme sein kann. «Eine Beziehungsöffnung ist kein Zaubermittel, um eine eigentlich schon tote Beziehung zu retten.»

Wenn auf Sex Gefühle folgen
Auch Jürg und Philipp sehen nicht nur die guten Seiten ihres Beziehungsmodells, nennen denselben Nachteil: Das höhere Risiko, sich zu verlieben. «Es besteht sicher die Gefahr, dass man einen sexuellen Aussenkontakt auch emotional anders zu sehen beginnt», sagt Jürg. «Gerade auch dann, wenn man die Nacht über bleibt», findet Philipp. So gilt etwa bei Jürg und seinem Freund die unausgesprochene Regel, dass sich die Fremdbegegnungen auf einzelne Besuche oder die Sauna beschränken. «Bei anderen übernachtet wird höchstens, wenn einer von uns einmal für eine längere Zeit weg ist.»
Wie steht es um weitere Abmachungen? Ist es etwa erlaubt, mehrmals mit der gleichen Person zu schlafen? «Das haben wir nicht explizit vereinbart», sagt Philipp. Es sei schon vorgekommen, dass er mehrmals mit derselben Person etwas hatte. In diesen Fällen achte er aber selbst darauf, dass es nicht allzu oft und nur mit zeitlichem Abstand geschehe. Und dies nicht bloss, um sich und die eigene Beziehung zu schützen, sondern auch die involvierte Drittperson. «Es ist auch schon vorgekommen, dass beim Fuckbuddy Gefühle aufkamen – das will ich verhindern.»

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Ganz klar: Nur Safer Sex!
Die wichtigste Regel für ihre offenen Beziehungen lautet aber bei beiden: Kein ungeschützter Verkehr. «Und wir haben vereinbart, bezüglich sexuell übertragbarer Infektionen immer offen und ehrlich zu sein», sagt Jürg. «Wenn sich einer eine Infektion wie etwa Syphilis oder Chlamydien eingefangen hat oder ein entsprechender Verdacht besteht, dann muss man sofort damit rausrücken.»

Ein Lernprozess
Ein häufiges Problem bei Paaren ist die Eifersucht. In exklusiven Beziehungen hängt der Haussegen oft schief, wenn der Freund oder die Freundin im Ausgang flirtet, mit jemand anderem tanzt oder gar schläft. Bei offenen Beziehungen liegt es in der Natur der Sache, dass man sich sexuell «auswärts vergnügt». Ist Eifersucht da gar nie ein Thema? Philipp verneint: «Mein Freund ist ziemlich ‹verkopft›. Ich fände es schön für ihn und würde es ihm gönnen, wenn er sich gehen lassen könnte.»
Auch Jürg bereitet es in der Regel keine Mühe, wenn sein Freund andere Männer trifft. Je nach Stimmung könne es zwar sein, dass vorübergehend ein etwas unangenehmes Gefühl aufkomme. «Manchmal finde ich es nicht berauschend zu wissen, dass er gerade in der Sauna ist», sagt Jürg. Er denke dann aber jeweils daran, dass er selbst ja auch seine Freiheiten haben wolle. Dann gehe es ihm jeweils wieder gut. Und er meint: «Schlussendlich ist auch dies ein Lernprozess.»

 

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