Zwei Bärte erobern das Internet

Es dürfen gerne auch mal Heidelbeeren sein: Es gibt fast nichts, das sich die Bartkünstler nicht an ihre Gesichtsbehaarung hängen. (Bild: zvg)
Sie sind schwul, tragen Bart und nennen sich «The Gay Beards»: Johnathan Dahl und Brian Delaurenti. Mit ihrer ausgefallenen Bartkunst sind die beiden besten Freunde aus dem US-amerikanischen Portland wahre Social-Media-Wunder.

Über 250’000 Personen folgen ihnen auf Instagram, manche ihrer YouTube-Videos verzeichnen über eine halbe Million Aufrufe. Damit wollen sie nicht nur gute Laune verbreiten, sondern auch für Toleranz werben. Die Mannschaft sprach mit den 26-Jährigen über eine Leidenschaft, die zum Beruf wurde.


Johnathan, Brian, euer Bartabenteuer begann vor etwas mehr als zwei Jahren und war am Anfang mehr ein spontaner Gag. Unterdessen könnt ihr von eurer Kunst leben. Unter anderem werdet ihr von diversen Firmen dafür bezahlt, dass ihr für deren Produkte werbt. Kommt euch diese Entwicklung manchmal etwas unrealistisch vor?
Brian: Definitiv. Wir hatten nicht vorausgesehen, was wir erschaffen würden. Ganz zu schweigen davon, dass daraus eine Karriere entstehen könnte. Wir hatten zwar Hoffnungen für das Projekt, wussten aber nicht, wie es rauskommen würde.

Johnathan: Im ersten Jahr sahen wir noch kein Geld. Damals hatten wir noch «normale» Jobs und schmückten unsere Bärte aus Freude an der Sache. Dass wir jetzt unsere Rechnungen damit bezahlen können, ist toll!

Wie sieht ein typischer Arbeitstag für euch aus?
Brian: Am Morgen kümmern wir uns zuerst um Organisatorisches, beantworten E-Mails, solche Dinge. Danach besorgen wir die nötigen Materialien in Handwerkergeschäften und durchstöbern Märkte auf der Suche nach neuen durchgeknallten Dingen, mit denen wir unsere Bärte schmücken können. Wenn wir Filme drehen, dann dauern die Aufnahmen und das Schneiden jeweils ein ganzes Weilchen. Und schliesslich müssen wir oft auch rumpröbeln, bis die Gegenstände wirklich halten in den Bärten. Diesbezüglich werden wir aber immer besser.

Johnathan: In der Regel benötigen wir zwei bis vier Stunden, um einen guten Bartschmuck hinzukriegen. Die Glitzerbärte sind am schnellsten gemacht, doch die Reinigung dauert am längsten!





Wie kriegt ihr den Glitzer raus?
Johnathan: Zuerst kräftig schütteln! Dann ist das meiste schon draussen. Den Rest versuchen wir mit viel Shampoo und Rausbürsten zu eliminieren.

Brian: Wir erwischen aber nie ganz alles, ein bisschen Glitzer hängt immer noch irgendwo fest. Dementsprechend schauen uns die Leute immer etwas belustigt an. Sie denken jeweils, dass wir uns am Abend zuvor auf Partys rumgetrieben haben (lacht).

Kommt es unterdessen vor, dass euch die Leute auf der Strasse erkennen und ansprechen?
Brian: Im vergangenen Jahr ist das häufiger passiert. Lustig ist aber, dass es in Portland weniger oft geschieht als in anderen Städten in den USA. Hier in Portland gibt es so viele Typen mit Bärten, da fallen wir weniger auf!

 

Wir erwischen aber nie ganz alles, ein bisschen Glitzer hängt immer noch irgendwo fest.

 

Woher habt ihr eure Ideen für neue Bartkreationen?
Johnathan: Irgendwie fliegen uns die Einfälle einfach zu! Und sonst ziehen wir durch die Läden und holen uns die Inspiration vor Ort. Oft erhalten wir auch Vorschläge von den Leuten.

Brian: Unter anderem versuchen wir, die Grenzen des typisch «Männlichen» und «Weiblichen» zu sprengen. Uns gefällt es, die Menschen auf positive Art und Weise etwas herauszufordern. Am Anfang hatten wir die Befürchtung, irgendwann ideenlos dazusitzen. Das ist bis jetzt aber noch nie passiert. Es gibt so viel, das wir ausprobieren wollen. Es gibt unendlich viele Bartmöglichkeiten (lacht)!

Welche Pflegeprodukte benutzt ihr für eure Bärte?
Johnathan: Hauptsächlich Bartbalsam, das ist eine Mischung aus Öl, Butter und Wachs. Manchmal verwenden wir auch Bartöl und Schnauzwachs, und für die reinigende Pflege sind Shampoo und Conditioner wichtig

Was sind die wichtigsten Schritte hin zu einem gesunden Bart?
Brian: Von der Pflege einmal abgesehen, musst du dir sicher sechs bis zwölf Monate Zeit geben, um den Bart wachsen zu lassen. Wir hören immer wieder, dass Männer gerne einen Bart hätten. Irgendwann nerven sich aber die meisten darüber, dass der Bart juckt oder nicht voll genug aussieht. Diese Phase muss man durchstehen! Bartöl hilft gegen den Juckreiz. Und sobald der Bart lang und voll genug ist, muss er unbedingt getrimmt und in Form gehalten werden.

Eine Zeit lang wurde fälschlicherweise behauptet, Jennifer Lopez habe ihren Hintern versichert. Habt ihr schon daran gedacht, eure Bärte versichern zu lassen?

Beide lachen.

Johnathan: Ich glaube kaum, dass irgendeine Versicherungsgesellschaft unsere Bärte versichern würde!

Brian: Da haben wir noch nie darüber nachgedacht, aber das ist gar keine schlechte Idee! Manchmal machen wir gefährliche Dinge. Vor dem 4. Juli zum Beispiel sind wir jeweils versucht, Feuerwerkskörper in den Bärten zu montieren. Dann werden wir aber immer nervös und verzichten darauf.

Johnathan, vor eurer Tätigkeit als Bartkünstler hast du in einer Band gespielt. Welches Instrument?
Ich spiele Bass, und in der Band meines Bruders manchmal Schlagzeug. Während Brian nach der Highschool die Uni besuchte, ging ich vier Jahre lang auf Tour.

Vermisst du das Musikerleben manchmal?
Oh ja! Ich liebe es, Musik zu machen, und die Tourjahre waren eine tolle Zeit! Wir hielten uns ständig in verschiedenen Städten auf, mit der Band bereiste ich 47 der 50 US-Bundesstaaten. In dem Sinne: Ja, ich vermisse es, aber was ich zurzeit gerade mache, finde ich ebenfalls grossartig.

In einem eurer neusten YouTube-Videos habt ihr angekündigt, euer Tätigkeitsfeld bald erweitern zu wollen. Was steht alles als Nächstes im Businessplan?
Brian: Zum einen wollen wir vermehrt bloggen und den YouTube-Kanal sozusagen in die Welt rausbringen. Das heisst, wir werden nicht mehr nur im Studio, sondern auch draussen filmen. Zum anderen spannen wir künftig vermehrt mit verschiedenen Fotografen und Designern zusammen, um gemeinsame Foto- und Modestrecken zu erstellen. Darüber hinaus werden wird T-Shirts und Kalender produzieren. Schliesslich planen wir, ins Verlagswesen einzusteigen. Derzeit arbeiten wir an einem Bildband, und bald wollen wir auch ein Kinderbuch rausbringen.

Wovon soll das Kinderbuch handeln?
Johnathan: Die Handlung als solche steht noch nicht fest. Klar ist aber, dass sich die Geschichte um Themen wie Akzeptanz drehen wird. Und darum, dass man versuchen soll, die eigenen Träume zu verwirklichen und ein Leben ohne Angst zu führen – auch wenn sich dieses Leben ausserhalb der sogenannten Norm abspielt.

Du hast es soeben angesprochen, eine eurer zentralen Botschaften richtet sich an Jugendliche, besonders auch die LGBT-Jugend. Ihr ermutigt sie dazu, sich selbst zu lieben und genau so zu sein, wie sie sind.
Brian: Genau. Wir wünschen uns, dass die Leute so leben, wie es für sie stimmt. Ich sage dies, weil wir uns selbst nie erträumt hätten, dass wir einst das Leben führen könnten, das wir nun führen. Dabei geht es auch darum, mutig zu sein und es einfach zu versuchen. Es war nicht immer nur leicht für uns, aber wir haben die Reise bis hierhin genossen. Es gibt immer Menschen, die einem Steine in den Weg legen wollen, oder schwierige Situationen. Aber wenn sich etwas gut und richtig anfühlt, dann musst du durchbeissen und einfach weitermachen.

Erhaltet ihr Rückmeldungen von Fans?
Johnathan: Ja, sogar sehr viele! Die meisten melden sich via Twitter oder per E-Mail. Oft erzählen sie uns, wie sehr wir ihnen dabei geholfen hätten, sich bei Freunden und Familie zu outen.

Brian: Wir verbringen ziemlich viel Zeit damit, jeder Person einzeln und individuell zu antworten. Es ist ein tolles und äusserst befriedigendes Gefühl, sich hinzusetzen und zurückzuschreiben. Wir erzählen davon, was wir selbst durchgemacht haben und wie sich die Dinge entwickelten. Das ist ein sehr schöner Aspekt unseres Jobs. Wenn wir damit nur schon einer Person helfen, dann hat es sich gelohnt.

 

Fans erzählen uns oft, wie sehr wir ihnen dabei geholfen hätten, sich bei Freunden und Familien zu outen.

 

Wie alt wart ihr, als ihr euer Coming-out hattet?
Brian: Ich war 17.

Johnathan: Ich outete mich mit 21. Es ist eine seltsame Geschichte, aber als Brian sein Coming-out gab, erzählte er mir, zuallererst habe er es einer Zahnarztgehilfin gesagt, nachdem ihm mehrere Zähne gezogen worden waren. Lustigerweise musste ich vier Jahre später ebenfalls ein paar Zähne ziehen. Und so kam es, dass ich in derselben Zahnarztpraxis gegenüber derselben Arztgehilfin ebenfalls zum ersten Mal über mein Schwulsein redete. Ich glaube, die verabreichen ihren Patientinnen und Patienten eine Art Coming-­out-Serum (lacht).

Ihr seid seit zwanzig Jahren beste Freunde. Unterdessen arbeitet und wohnt ihr auch zusammen. Ist es vielleicht schon geschehen, dass diese enge Freundschaft euer Liebes­leben erschwert hat?
Brian: Nein, ich glaube nicht. Wir ziehen klare Grenzen und respektieren das Liebesleben des jeweils anderen. Wir haben da eine Art Code. Wir brauchen nur kurz mit dem Kopf zu nicken und wissen sofort, ob der andere einen Typen gut findet oder nicht.

Die Männer, die ihr kennen lernt, werden also nie eifersüchtig auf die Freundschaft, die euch beide verbindet?
Brian: Nein, eigentlich nicht. Und wenn, dann müssen sie sehr schnell darüber hinwegkommen, denn wir sind unzertrennlich (lacht)!

Wie steht es um euren Beziehungsstatus?
Brian: Ich bin mit jemandem zusammen.

Johnathan: Ich bin in keiner festen Beziehung. Zurzeit gehe ich gerne aus und seit letztem Jahr verabrede ich mich immer mal wieder auf Dates. Zuvor hatte ich das noch nie wirklich gemacht.

Brian: Ich betreue ihn dabei vom Spielfeldrand aus (lacht).

 Was sagen eure Familien und Freunde zu eurer Tätigkeit?
Johnathan: Sie unterstützen uns alle vollkommen – das ist ein tolles Gefühl!

 

thegaybeards.com

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