Die Kindheit als Gefängnis

«Das Kind meiner Mutter», das Buch über Florian Burkhardts Kindheit, erschien am 25. April 2017 im Wörterseh Verlag.
2015 gewährte der Dokumentarfilm «Electroboy» einen Einblick in das Leben des ehemaligen Supermodels und Internetpioniers Florian Burkhardt. Nun legt er mit «Das Kind meiner Mutter» ein Buch über seine Kindheit nach. Gezeugt, weil sein Bruder bei einem tragischen Autounfall ums Leben kam, wird Florian von seiner Mutter als heilender Retter verehrt. Aus Angst, auch ihn zu verlieren, werden alle «gefährlichen» Aktivitäten wie Fahrrad fahren oder Freunde treffen verboten. Florian wächst in einem Gefängnis auf.

Florian, der Dokumentarfilm über dein Leben hat einen richtigen Rummel ausgelöst. Was hat zum Erfolg beigetragen?
Der Erfolg hat uns sehr überrascht, waren wir doch alle Newcomer und hatten gedämpfte Erwartungen. Für Marcel Gisler, einen gestandenen Spielfielm-Regisseur, war es der erste Dokumentarfilm. Das merkt man auch. «Electroboy» ist keine klassische Doku, sondern eher verspielt.

Ich denke, jeder kann sich mit dem Film auf eine andere Art identifizieren. Einige sind weinend aus den Kinos gekommen und sagten, sie hätten ihren Vater wiedererkannt. Junge Zuschauer fanden den Hollywood-­Aspekt interessant, ältere konzentrierten sich auf die Familienthematik. Auch Therapeuten haben sich bei mir gemeldet und sich bedankt. Der Film habe schon mehreren Patienten dabei geholfen, über ihre Mutterkomplexe hinwegzukommen.

Wie hat deine Familie auf den Film reagiert?
Gar nicht. Er hat zu keinem Gespräch geführt. Vor der Premiere durften sie den Film sichten und allfällige Änderungen anbringen. Sie fanden ihn super und damit war das Thema abgehakt. Jede andere Mutter würde doch sagen: «Was hast du da über mich gesagt?»

Zu Beginn wussten meine Eltern nicht einmal, was ein Dokumentarfilm ist. Marcel Gisler hat sie während zwei Jahren besucht und eine Freundschaft zu ihnen aufgebaut. Schlussendlich haben sie ihm mehr erzählt, als sie es mir gegenüber jemals getan hätten. Ich habe mich bewusst rausgehalten.

 

«Damals wollte ich, dass meine Mutter abkratzt, weil ich sie so sehr hasste. Heute könnte ich das niemals sagen.»

 

In deinem soeben erschienen Buch beschreibst du deine Mutter aber als kompletten Kontrollfreak.
Der Film hat bei meinen Eltern keine Reaktionen provoziert. Seit drei Tagen wissen sie, dass ein Buch rauskommt, und es herrscht ein Drama. Dabei finde ich den Film brutaler, da sie sich ja selbst vorführen. Sie sind es, die die krassen Aussagen gegen Homosexualität machen. In ihren Augen habe ich die schönste Jugend gehabt. Alles andere wird unter den Teppich gekehrt. Das ist ein Abwehrmechanismus. An einem Tag bezeichnet meine Mutter alles als Lüge, an einem anderen beteuert sie, sich an nichts erinnern zu können. Es erstaunt mich, dass der Gedanke an ein Buch solche Auswirkungen hat.

Hast du ihnen bewusst nichts vom Buch erzählt?
Ich habe es unterschätzt. Ich bin davon ausgegangen, dass sie ähnlich wie beim Film reagieren und die Thematik ignorieren würden. Bei meinem Vater ist es jetzt lustigerweise anders. Er dreht völlig durch, meint, ich wolle meine Eltern in der Öffentlichkeit vorführen. Dabei geht es im Buch weniger um ihn, sondern mehr um meine Mutter. Er fühlt sich schuldig wegen des Unfalls und will nicht, dass wieder öffentlich darüber gesprochen wird.

Tragisch ist, dass meine Eltern mittlerweile 83 Jahre alt und nicht mehr so fit sind. Sie sind so fragil, dass ich Angst habe, sie zu konfrontieren. Eine blöde Situation.

Werden deine Eltern dein Buch lesen?
Sie verneinen es. Doch sie werden es sicherlich tun, dafür sind sie zu neugierig. Nach dem Film behaupteten sie auch, dass sie ihn nie mehr schauen würden. Wie sich im Nachhinein herausgestellt hat, haben sie ihn sich immer wieder angesehen.

Wie kamst du dazu, das Buch zu schreiben?
Der Film hat mir viel Feedback beschert, davon war vieles Müll. Freikirchen schrieben mir, ich solle ihrer Kirche beitreten. Esoteriker empfahlen mir Steine, die meine Angstpsychosen lindern sollten. Ein Typ schrieb mir, ich solle unbedingt ein Buch über meine Kindheit schreiben. «Was ist das denn für ein Freak?», dachte ich (lacht). Bis ich ihn googelte und er sich als berühmter Literaturagent entpuppte. Wir trafen uns zum Kaffee und sprachen fünf Stunden lang über seine Idee.

Ich traute mir nicht zu, ein Buch zu schreiben. Er ermunterte mich, es trotzdem zu versuchen. Ich nahm mir ein Dreivierteljahr Zeit und es hat geklappt.

Innert kürzester Zeit etablierte sich Florian Burkhardt in den Neunzigerjahren als gefragtes Foto- und Laufstegmodel. (Bild: zvg)

Wie hast du den Prozess des Schreibens erlebt?
Ich wollte unbedingt als dasjenige Kind schreiben, das ich zu jenem Zeitpunkt war, nicht als die Person, die ich heute bin. Es kommen also keine Erkenntnisse vor, die ich damals nicht schon hatte. Ich schreibe auch aus der Sicht des Kindes, ich weiss nur, was bis zum jeweiligen Zeitpunkt geschehen ist. Die Welt und die Sprache entwickeln sich, je älter ich werde.

Sehr hart war das Zulassen meiner Emotionen. Zum Beispiel wollte ich damals, dass meine Mutter abkratzt, weil ich sie so hasste. Heute könnte ich das niemals sagen. Es gelang mir, weil ich als Kind in die Vergangenheit eingetaucht bin. Es war wie ein Film.

Du veröffentlichst deine Geschichte als Roman mit abgeänderten Namen. Weshalb nicht als Autobiografie? 
Die Romanform gibt mir Freiheiten. Ich kann mich auf die wichtigen Elemente der Geschichte konzentrieren und andere weglassen. Es ist keine Biografie über den Dieter Bohlen, der für die Öffentlichkeit von Interesse ist. Für mich ist es eine universelle Geschichte über eine Mutter-Kind-Beziehung.

Während drei Jahren wohnte ich im Prenzlauer Berg. Dort beobachtete ich Kinder, die einen Helm tragen mussten, ohne dass sie Fahrrad fahren durften. Ihre Eltern gehen ins Yoga, haben studiert und Jahre im Berghain (Club in Berlin, Anm. d. Red.) verbracht. Sie glauben nicht an Gott, wollen aber ein Kind in die Welt setzen, weil dies ihrem Konzept einer erfüllten Existenz entspricht. Das Kind bedeutet ihnen alles und wird so herangezüchtet, dass es das sein muss, was die Eltern nicht sein konnten.

Die Kinder haben die Erwartungen der Eltern zu erfüllen.
Genau. Ich hoffe, das Buch kommt nicht falsch rüber. Es geht mir nicht darum, zu sagen: «Schau mal, wie doof meine Mutter ist.» Vielmehr will ich, dass man auch Verständnis für sie aufbringt. Daher war es mir wichtig, meine Kindheit in Phasen aufzuteilen. Am Anfang ist die Beziehung zu meiner Mutter symbiotisch, alles ist wunderschön und perfekt. Doch dann ziehen seltsame Wolken am Himmel auf. Das Kind kommt in die nächste Phase und beginnt, mit seinen Interessen anzuecken.

Meine Geschichte soll ein Zeitdokument und als solches auch besonders für Schwule interessant sein. Als Jugendlicher dachte ich wirklich, ich sei der Einzige in Luzern, der sich so fühlt. Es gab kein Internet, keine bekennenden Schwulen und im Internat musste man Homosexualität melden. Heute kann man sich das kaum mehr vorstellen.

Deine Eltern haben dich gezeugt, weil dein Bruder bei einem Unfall ums Leben kam. Hat dich diese Tatsache als Kind stark belastet? 
Eine gute Frage. Im Buch wird der Unfall kaum thematisiert. Seine Auswirkungen zeigen sich aber darin, dass sich meine Mutter meinem Vater gegenüber oft passiv-aggressiv verhielt. Ich habe davon wenig mitbekommen. Als ich den Vater konfrontiere, will ich es plötzlich überhaupt nicht mehr wissen. Mich hat es nicht belastet, als Kind hatte ich das Gefühl: «Wow. Ich bin wichtig.»

Deine Geburt wurde von deiner Mutter als Erlösung angesehen, du warst für sie ein Heiler, ein Prinz. Ging es ihr nicht gut, musstest du deine Hand auf die schmerzende Stelle legen. Empfandest du das als normal?
Ja, man hat das Gefühl, das müsse doch so sein. Wenn die Mutter sagt, man sei durch seine blosse Existenz ein Retter, dann glaubt man das als Kind. Das ist absurd und kann zu extremem Narzissmus führen, was bei mir ja auch schon behauptet wurde.

Welchen Stellenwert hatte die Liebe?
Ich habe die Liebe wegen meiner Mutter als etwas furchtbar Einengendes empfunden. In meinem Erwachsenenleben habe ich jeweils schnell den Eindruck erhalten, in einem Gefängnis zu sein. Das hielt mich davon ab, andere nahe an mich heranzulassen. Ich musste lernen, dass Liebe nicht nur negativ sein kann. Man darf nicht vergessen, dass man in den ersten zwanzig Jahren seines Lebens programmiert wird. Wenn die Mutter dir immer wieder sagt, dass alles gefährlich ist, glaubt man es auch. Meine Mutter hatte Angst davor, dass alle Gleichaltrigen mich zu Drogen verführen könnten. Das ist unrealistisch, ja nahezu paranoid! In der Familie herrschte Panik, dass mir irgendetwas zustossen könnte.

Psychologen haben das als Auslöser meiner Angstpsychosen identifiziert. Vielleicht habe ich auch einen Charakter, der auf solche Reize empfindlich ist.

Hast du Ereignisse im Buch ausgelassen?
Ich habe ausgelassen, was ich erst als Erwachsener, nicht aber als Kind wusste. Etwa, dass meine Eltern nach dem Tod meines Bruders zuerst ein Kind adoptiert hatten. Es hat allerdings überhaupt nicht geklappt und sie gaben es wieder zurück. Eine sehr dramatische Geschichte. Ich hätte sie gerne reingenommen, aber ich wusste als Kind nichts davon. Also liess ich es weg.

Dein Elternhaus wurde schleichend zum Gefängnis. Wurdest du dir dessen durch ein einschneidendes Erlebnis bewusst?
Wenn ich etwas entdeckte, das mir gefiel, machte es meine Mutter kaputt. Ich hasste sie dafür. Als ich mich in meinen Klassen­kameraden verliebt hatte, besuchte ich ihn. Meine Mutter rief seine Mutter an und sagte ihr, ich sei schwul und wolle ihren Sohn verführen. Sie stand mir kontinuierlich im Weg.

Du hast trotz der starken Kontrolle deine Sexualität mit gleichaltrigen Jungs entdeckt. Einen Jungen, Heiko, der offenbar mehr von dir wollte, hast du heftig abgewiesen. Wäre eine Beziehung mit ihm zu viel Rebellion gewesen? 
Er sagte, ich könne ihm doch gleich einen runterholen. Dieser Satz war sehr ungünstig. Meinte er es ernst oder zynisch? Im Sinne von «willst du mir gleich einen runterholen, du Schwuchtel?». Ich wollte das Risiko nicht eingehen, also machte ich einen Rückzieher. Dabei war die Wahrscheinlichkeit gross, dass es ihm gefallen hätte.

Im Buch beschreibst du, wie deine Mutter zu einer Tyrannin wurde, auch deinem Vater nahm sie viele Sachen weg, die ihm Freude bereiteten. War das ihr Weg, ihn für den Tod deines Bruders verantwortlich zu machen, oder eher eine Art, mit ihrer Trauer umzugehen?
Beides. Vor allem aber war es eine Bestrafung. Bis ins hohe Alter hat sie diesen Bestrafungsmodus beibehalten, auch wenn er jetzt ein bisschen nachgelassen hat. Man sieht es auch im Film. Sie lässt ihn zu sich bitten, empfängt ihn aber nicht. Das ist doch krank. Nach fast fünfzig Jahren hat sie ihm nicht verziehen.

Das sieht man auch bei meinem älteren Bruder Claudius, der den Unfall überlebt hat. Er hat wahrhaftig die Arschkarte gezogen. Stirbt ein Kind, geht man davon aus, dass die Eltern ihren Fokus auf das andere Kind richten. Aber nein, nur noch der Verlust war präsent. Mein Bruder wurde ignoriert. Während ich nicht aus meinem Zimmer durfte, war es egal, wann er nach Hause kam. Er litt am meisten darunter. Er hatte weder Vater noch Mutter, der Fokus war auf mir. Durch den Unfall verlor er ihre Aufmerksamkeit.

 

«Meine Mutter rief seine Mutter an und sagte ihr, ich sei schwul und wolle ihren Sohn verführen.»

 

Mit Claudius hattest du ein gutes Verhältnis. Doch er zog bald aus und reduzierte den Kontakt. Hast du das als Verrat wahrgenommen? 
Ja, sehr. «Der muss doch wissen, wie meine Mutter ist», sagte ich mir. Er hatte es aber nicht gewusst. Er ist elf Jahre älter als ich und zog aus, als ich erst sieben Jahre alt war. Damals war die Symbiose noch fast intakt. Ging er raus mit Freunden, interessierte sie sich nicht. Wir hatten eine andere Mutter. Ich glaube ihm, wenn er heute sagt, er würde alles anders machen.

Was war das Brutalste deiner Kindheit?
Die totale Unterdrückung von all dem, was ich war. Heute sagt man: «Wie schön, mein Kind interessiert sich für Gestaltung, soll es doch Kunst studieren.» Meine Interessen aber wurden unterdrückt, man zwang mich zur Lehrerausbildung. Ich wollte doch nie Lehrer sein!

Das Schlimmste war, keine Freunde haben und keine Erfahrungen sammeln zu dürfen. Ich durfte mich nicht mit Gleichaltrigen austauschen, mich nicht definieren, nicht an Grenzen stossen und keine zwischenmenschlichen Kontakte pflegen. Das ist fast schlimmer als das Verbot, meinen Wunschberuf ausüben zu dürfen. Ich war wie ein Hund an der Leine.

Du schreibst, dass es dir heute endlich gelungen sei, deine Eltern und deinen älteren Bruder zu verstehen. War dies erst durch dieses Buch möglich?
Nein, durch die Auseinandersetzung im Film. Meine Eltern sind erzkatholisch und während des Zweiten Weltkriegs aufgewachsen. Meine Mutter durfte weder ihre Ausbildung noch ihren Partner wählen. Ihre Eltern hatten sich einen Jungen gewünscht und kein Mädchen. Die Ehe meiner Eltern war selten harmonisch, sie passten nicht zusammen und durften sich ihres Glaubens wegen nicht scheiden lassen.

Verzeihst du ihnen?
Ja. Ich bin nicht wehmütig. Ich wünsche mir auch nicht, jemand anderes zu sein, oder dass ich keine Ängste mehr haben möchte. Ich bin zufrieden mit der Person, die ich bin.

Vom behüteten Kind zum eingesperrten Jugendlichen: Sowohl Radio hören und Fernseh schauen als auch gleichaltrige Freunde treffen waren für Florian verboten. (Bild: zvg)

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