Ralf König: „Das Alter ist ein konkreter Scheiß!“

Ralf König
Foto: Ralf König/"König des Comics" (Doku)
Konrad und Paul sind in den Wechseljahren oder, wie es euphemistisch heißt: in der 'Andropause'. Ein Gespräch mit Ralf König über das Altern.

Ralf König – der vielfach preisgekrönte Meister des intelligenten deutschen Comics – kehrt im 30. Jubeljahr der Erstveröffentlichung seines Bestsellers „Der bewegte Mann“ mit einem Werk über das beliebte Kölner Pärchen Konrad und Paul zurück! Die Herren sind in den Wechseljahren oder, wie es hier hübsch euphemistisch heißt, in der ‚Andropause‘. Auch Männer werden eben älter, sogar schwule.


Ralf, auf einer Skala von 1 bis 10 – wie toll findest Du Älterwerden?
Ich sag mal 2, mehr nicht. Und das auch nur, weil ich vermute, dass rein umwelt- und idiotenmässig demnächst einiges auf den Planeten zukommt und ich froh bin, ein friedliches und genussreiches Leben geführt zu haben, ohne Krieg, Hunger und Elend. Was für ein Glück! Ob das den nun heranwachsenden Generationen auch noch gelingt, bleibt abzuwarten, und nur aus dem Grund ist Ältersein ok, da kriegt man womöglich nicht mehr allzu viel mit von dem Scheiß. Oh, klinge ich pessimistisch?

Im neuen Ralf König geht es ums Älterwerden, Konrad und Paul sind in den Wechseljahren. Dein Verlag spricht in der Ankündigung von „Gelassenheit“ und „Weisheit“ als Nebenwirkung des Alterns. Tröstet Dich das?
Ich und weise! (lacht) Ist als Werbetext gut gemeint von Rowohlt, aber nein, man wird nicht weise. Man wird nur banal älter mit dem Input im Hirn, das sich angesammelt hat und den alten Gewohnheiten und Wünschen! Gelassen wäre ich wirklich gern, das Thema beschäftigt mich sehr. Ich glaub, das geht jedem Mann so, vor allem, wenn man im Leben viel genussvollen Sex hatte. Es ist nicht einfach, loszulassen und allmählich zu einem alten Sack zu transformieren. Und ich hab nicht nur meine eigene Krise, sondern auch die meiner Comicnasen zu stemmen! Paul tat mir wirklich leid beim Zeichnen und die Arbeit war ein harter Brocken. Aber es ist letztlich ein spaßiges Buch geworden. Es heißt ja auch noch ‚Herbst in der Hose‘, nicht Winter. Noch funktioniert ja alles ok, nicht wahr, Penis? – Er nickt.

Ralf König
aus: „Herbst in der Hose“/Rowohlt

Du wirst im November mit dem Wilhelm-Busch-Preis für Dein Lebenswerk ausgezeichnet. Zur Ruhe setzt Du Dich danach vermutlich aber noch nicht?
Könnte ich mir gar nicht leisten, die Comics verkaufen sich in Zeiten des Internet-Overkills auch nicht mehr wie in den 90ern. Aber Comics sind für mich weniger Job als Leidenschaft, die Ideen dazu werden zum Glück nicht weniger, ich kann und will gar nicht aufhören. Allein die Formulierung ‚zur Ruhe setzen‘ klingt nach Urne!

Erstmal wirst Du im Sommer 57. Brigitte Macron hat mit 64 einen flotten 39-Jährigen zum Mann, der noch nebenbei französischer Präsident ist. Macht das nicht ein bisschen Hoffnung, dass da noch was geht im Alter?

Draußen sieht man zwar jede Menge geile Typen auf der Straße, aber da guckt keiner mehr, das Flirten hört auf.

Keine Ahnung, wie heterosexuelle Franzosen das regeln, mein Mann ist 12 Jahre jünger, das reicht mir schon. Dauernd hüpft er energiegeladen um mich rum und hat gute Laune! Es ist ja zwiespältig, einerseits möchte man, dass da später noch ‚was geht‘, andererseits sieht man sich schon jetzt desillusioniert im Spiegel, und das mit der Notgeilheit hat sich schleichend erledigt. Draußen sieht man zwar jede Menge geile Typen auf der Straße, aber da guckt keiner mehr, das Flirten hört auf. Und selbst wenn noch was ginge, eigentlich wäre es zu anstrengend. Man bleibt lieber auf dem Sofa und schiebt sich ’n Porno rein. Zum Glück war ich immer Pornojunkie, das ist keine Umstellung, aber wenn irgendwann selbst das nicht mehr geht … ächz. Ich sehe meinen Vater mit bald 90, das ist kein bisschen komisch. All das ist im Buch drin, ich wollte möglichst ehrlich mit dem Thema umgehen. Nix mit: ‚Das Alter ist nur ne Zahl‘. Das Alter ist ein konkreter Scheiß!

Alec Baldwin sagt in der Serie 30 Rock: 50 ist das neue 40 für Männer. Für Frauen bedeutet es immer noch 60. Was bedeutet 50 für Schwule?
Ich hab meinen 50. noch fett gefeiert, mit vielen Freunden, Drogen und Tuntenshow, aber mit einem mulmigen Gefühl. Das Tragische ist ja, dass man mental dem eigenen Altern nicht hinterherkommt. Der 56. war bei mir noch mal so ein Einschnitt, nun geht’s allmählich auf die 60 zu! Nicht zu fassen, so schnell geht das plötzlich. Und ich hatte weit über ein Jahr diesen Comic auf dem Tisch, bei dem ich alle Details der sogenannten ‚Andropause‘ recherchieren musste. Also Leute, ich hab für Euch gelitten, vielleicht ist das Buch eine Art Lebenshilfe, mit Humor schluckt man ja einiges.

Du hast vor ein paar Wochen bei Facebook etwas zum Jubiläum von DER BEWEGTE MANN geschrieben, zu LYSISTRATA und KONDOM DES GRAUENS, die ebenfalls 30 Jahre alt werden, „alles von 1987! Billiger Filzstift und ungeduldig draufgerotzt aufs Papier, das war der Saft der Jugend.“ Was unterscheidet den Saft der Jugend von dem des mittleren Alters?

Ich war jung, dumm und geil, ein wunderbarer Zustand!

Man war noch nicht ganz so anspruchsvoll und selbstkritisch. Ich war jung, dumm und geil, ein wunderbarer Zustand! Heute wird eine neue Idee erst mal von allen Seiten auf Tauglichkeit abgeklopft, die Zeichnungen sind zwar immer noch schnell, aber wenn die Nase nicht ganz so rund ist wie auf dem vorigen Panel, zeichne ich sie noch mal. Viele Themen sind mittlerweile abgegrast, damals waren Comics eine saftige, grüne Wiese. Aber ist ok, man entwickelt sich weiter, gut so! Mit 27 hätte ich ein tragikomisches Buch wie SUPERPARADISE oder nun HERBST IN DER HOSE nicht machen können.

Ralf König
Cover: Rowohlt

Ralf König: Herbst in der Hose

22,95 EUR, Rowohlt: ab 23. Juni
Beschränkst Du Dich selbst, weil Du im Kopf hast, dass Du alt wirst oder bist? Etwa indem Du eine bestimmte Hose nicht kaufst, in ein bestimmtes Lokal nicht mehr gehst, weil Du glaubst, dafür zu alt zu sein?
Ich hab nicht im Kopf, dass ich schon 57 bin, das ist es ja! Aber Hosenmode war bei mir nie extravagant und ich war nie ein Kneipenmensch, hier in Köln schon gar nicht, da läuft ja immer Helene Fischer! Aber klar, ich war immer gern auf diesen geilen Events, Ledertreffen auf der Cap San Diego in Hamburg oder ‚Kerle vor die Säue‘. Und da gern Lederhose auf und immer in der ersten Reihe. Das hört auf, aber seltsamerweise ist das ok, weil ich dazu auch keine Lust und Energie mehr hätte. Man denkt nur manchmal zurück und seufzt. Schön war’s, vorbei ist’s. Von meiner erlebnisbehafteten Lederhose hab ich mich getrennt, da kam ich irgendwann nicht mehr rein, das war bitter. Auch das ist Thema im Buch: die Altkleidersammlung!
Fällt Dir eventuell auch etwas Positives zum Thema Altern ein?
Nein.

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