„Mein wunderbares West-Berlin“ kommt ins Kino

Foto: WIlfried Laule
Der neue Film von Jochen Hick ("Ich kenn keinen – Allein unter Heteros") nimmt den Zuschauer mit auf eine faszinierende schwule Zeitreise.

Der neue Film von Jochen Hick „Mein wunderbares West-Berlin ” (lief im Februar 2017 auf der Berlinale) nimmt den Zuschauer mit auf eine faszinierende schwule Zeitreise: in die 50er und 60er, in denen die West-Berliner zwar noch massiv unter den Einschränkungen und Verfolgungen durch § 175 zu leiden hatten, sich aber dennoch bereits eine lebendige Subkultur mit Szene-Bars und Klubs aufbauen konnten; in die 70er, jene Zeit der bahnbrechenden Emanzipationsbewegungen und gesellschaftlichen Umbrüche; und in die 80er, die geprägt waren von einer Ausdifferenzierung queerer Lebensentwürfe, aber auch den verheerenden Folgen von Aids, die Berlin so heftig trafen wie keine andere deutsche Stadt. Offizieller Kinostart: 29. Juni

Jochen, gab es etwas, das Dich beim Drehen oder der Recherche besonders erstaunt oder überrascht hat?
Nein. Ich war Ende der 70er das erste Mal mit der Schule in Berlin, seit Anfang der 80er jedes Jahr mindestens einmal im Jahr in Berlin, seit 2000 bin ich regelmäßig hier. Bereits für OUT IN OST-BERLIN habe ich mich auch viel mit West-Berlin ab 1945 beschäftigt. Aber diese inneren Abläufe der Homosexuellen Aktion Westberlin [die HAW war erste Organisation der neueren deutschen Schwulenbewegung, Anm. d. Red.] waren für mich interessant. Der Umgang der Leute miteinander und so manche These. Z. B. wenn Wolfgang Theis [Gründungsmitglied des Schwulen Museums* Berlin, Anm. d. Red.] die Nähe zum Kommunismus und die Hoffnung, er würde die Schwulen befreien, als großen Denkfehler bezeichnet, weil vielmehr der Kapitalismus die Schwulen befreit hätte. Das ist natürlich eine Interpretation, an der man sich reiben kann.

West-Berlin
Jochen Hick (Foto: Galeria Alaska)

Es gibt eine Interviewsequenz, die es nicht in den Film geschafft hat: Da geht es um eine Gruppe innerhalb der HAW, die beschlossen hatte, dass alle Mitglieder der Gruppe untereinander Sex haben sollten.
Damals hat man sich viel mehr mit politischen Theorien wie Sozialismus und Kommunismus auseinandergesetzt.  Es gab Kritik am „Warenwert“ menschlicher Körper in der Szene, denn es ging um freie Liebe. Die war aber gar nicht so frei, sagt Wolfgang Theis. Es gab Männer, die hatten mehr, und solche, die hatten weniger Chancen. Wie will man die verteilen, wenn man eine „sozialistische“ Gruppe ist, die eher was Egalitäres hat? So starteten sie in einer Gruppe den Versuch, dass jeder mit jedem Sex haben sollte. Das war aber Wishful Thinking. Am Ende war es so, dass die, die im landläufigen Sinn besser aussahen oder besser ankamen, auch die meisten Partner hatten.

Eifersucht zum Beispiel war total verpönt, auch eheähnliche Zweierbeziehungen. Es gab sie aber natürlich trotzdem.

Das hat also nicht lange funktioniert?
Es war zumindest ein Versuch, und ich finde das immer sehr interessant. Es ging damals sonst eher dogmatisch zu. Die Mitglieder der Gruppe haben sich viele Dinge nicht erlaubt. Eifersucht zum Beispiel war total verpönt, auch eheähnliche Zweierbeziehungen. Es gab sie aber natürlich trotzdem.

Wenn man §175 und die AIDS-Krise abzieht: Gab es bei Deinen Protagonisten den Hang zu einer Früher-war-alles-besser-Haltung?
Das erlebt man immer, wenn man Filme mit älteren Schwulen macht, mehr noch als mit Lesben, finde ich. Die Wahrnehmung von der eigenen wilden sexuellen Zeit etwa, die scheint für einige ja schon mit 45 oder 50 zu Ende. Es sollte aber kein Film werden, der in der Vergangenheit endet. Deshalb sieht man alle Protagonisten in der heutigen Zeit agieren. Sie sollten alle etwas von sich offenbaren, was man vielleicht noch nicht wusste. Etwa im Gespräch zwischen Udo Walz und René Koch in der Paris Bar. Oder was Wieland Speck über das Altern sagt, über das, was ihn heute sexuell interessiert und was nicht. Da geht es um Veränderungen wenn man älter ist, aber auch um das Gefühl der Entspanntheit. Es ist gar kein Vorwurf, dass, wenn ältere Männer über früher sprechen, oft schon ein Narrativ entstanden ist über die Jahre, eine eigene Geschichtsschreibung. Manche würden vielleicht sagen, es geht in die Selbstdarstellung. Das haben wir versucht, in diesem Film ein bisschen zu brechen und die Protagonisten haben uns dabei geholfen. Darum ist da auch viel Witz und Selbstironie in den Sachen, die sie sagen.

Das Interview mit René Koch und Udo Walz ist sehr lustig, aber man fragt sich, weil Udo Walz so ruppig ist: Mögen die sich so sehr oder eher gar nicht?
Naja, abgesehen davon, dass sie kein Liebespaar sind, treffen sie sich ziemlich oft und erleben viel miteinander. Und kennen sich seit den 1960er Jahren. Das hat dann was Symbiotisches, wie bei einem älteren Ehepaar. Udo Walz hat da sein Bestes gegeben, er ist ja sonst immer sehr „korrekt“ charmant. Wobei, so hat es für mich auch seinen Charme.

Du hast auch mit Romy Haag gesprochen, der ersten Trans*Aktivistin. Das war damals aber nicht so ein großes Thema, wie es das heute ist, oder?

West-Berlin
Romy Haag (Foto: Galeria Alaska)

Sie war die erste, die damit breit in der Öffentlichkeit auftrat. Und zwar in einer Zeit, wo man als Transfrau eigentlich nur in Läden wie dem traditionellen Travestieclub Chez Nous oder als Prostituierte arbeiten konnte – wie sie berichtet. Mit ihrem Club Chez Romy Haag gelang ihr ein spektakulärer Cross-Over in andere Szenen. Insgesamt kann man sagen, dass es auf der einen Seite ein relativ gutes und friedliches Koexistieren gab in den 70 oder 80ern, während ja heute manche finden, die Unter-Communitys würden auseinanderdividiert. Wobei, eine gewisse Trennung zwischen Schwulen und Lesben gab es immer schon. Ich kann mich an eine frühe CSD-Demo erinnern, bei der es hieß: Männer, bleibt acht Meter vom Frauenblock entfernt! Ich hab für sowas durchaus Verständnis. Es gab zum Frauentag 2017 mehrere Demos in Berlin, mindestens eine nur für Frauen, ich war auf der gemischten. Das erste was passierte, war, dass sich eine Gruppe von Männern mit einer anderen über eine politische Meinungsverschiedenheit prügelte.

Du zeigst in Deinem Film einiges zum ersten Mal, was bisher noch in Archiven schlummerte. Für vieles gab es andererseits aber gar auch kein Material.
Das Erstaunliche ist, dass das der erste Film ist, der am Beispiel Berlins auch Bilder von 45 Jahren schwuler Geschichte in Deutschland zeigt. Dabei gibt es in den USA gefühlt schon 20 Filme über die dortige LGBTI-Geschichte. Es ist tatsächlich so, dass es filmische Zeugnisse aus den 50ern oder 60ern in Deutschland fast gar nicht gibt, Innenansichten aus Lokalen zum Beispiel. Dort wollte man damals nicht fotografieren, denn wenn jemand drauf zu erkennen gewesen wäre, hätte man ihn nach §175 belangen können. Das Schwule Museum* hat von 1965 einige Fotografien von der Bar Hoppla Sir. Die Lizenzgeber wollten am Ende aber doch nicht, dass wir sie in einem Film zeigen, und das nach so vielen Jahren. Da ist vielleicht bis heute noch ein Schamgefühl, weil es immer diese gesellschaftliche Ächtung gab. Oder immer noch die Angst, „schwule“ Identitäten anderer Gäste preiszugeben, die vielleicht bereits gestorben sind.

Dafür sieht man in Deinem Film exklusiv, wie der Programmleiter der Sektion Panorama der Berlinale Wieland Speck seine schwule WG, in der er 40 Jahre lang wohnte, ausräumt.
Das war erst im vergangenen Sommer und hat für den Film super gepasst. Es ist ja nicht immer gegeben, dass diese filmischen Anlässe während der Drehzeit passieren. Am Schluss waren sie nur noch zu zweit in dieser WG, und da war es dann alles zu teuer, und vielleicht war auch der Gedanke des WG-Lebens für Wieland ein bisschen durch. Die anderen Mitbewohner waren schon vor über 10 oder 15 Jahren ausgezogen.

Teil 2: „Früher wurde immer behauptet, die Schwulen hätten so einen tollen positiven Einfluss auf die Gesellschaft. Das geht immer mehr unter.“

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