„Mein wunderbares West-Berlin“ kommt ins Kino

Fortsetzung: „Mein wunderbares West-Berlin“

Warum wolltest Du diesen Film machen?

Berlin profitiert ja immer auch vom Ruf des Verruchten, des Undergroundigen, da ist diese Vielfalt, das Kreative, dieses Quirlige. Ich wollte sehen, wie viel kommt aus der schwulen oder queeren Community? Was ist in den Mauer-Zeiten damals entstanden, das heute immer noch nachwirkt? Früher wurde immer behauptet, die Schwulen hätten so einen tollen positiven Einfluss auf die Gesellschaft. Das geht immer mehr unter. Dabei gibt es so vieles, was aus der schwulen oder queeren Community kommt, wie Westbam im Film sagt: die Bedeutung des schwulen Clubkultur für die Techno-Revolution damals. Sicher gilt das in anderen Bereichen auch für die lesbische Community – dieser Film muss aber noch gemacht werden …

Von Dir?

Nein, das fände ich anmaßend und ich glaube, ich bin dafür nicht der richtige. Es gab den Vorwurf, dass im Film die Lesben fehlen. Für uns war es aber so, wie der Film schließlich entstanden ist, der klarste Prozess. Man hätte sonst vielleicht eine Zahl von vielleicht 15 Protagonisten nehmen und diese paritätisch unter Schwulen, Lesben und Transpersonen aufteilen. Damit wäre man niemand mehr nahe gekommen. Die Entwicklung – Lesben und Schwule – verlief damals eher parallel als gemeinsam. Man hätte also nebenbei noch mehrere sich unterschiedlich entwickelnde Szenen erklären müssen und wäre keiner nur annähernd gerecht geworden. Der Film heißt bewusst Mein wunderbares West-Berlin und nicht Die westdeutsche LGBTIQ-Bewegung 1945-90. Letzteres wäre ein Mehrteiler.

West-Berlin
Foto: Schwules Museum

Es ist aber auch so, dass manche Schwule sagen, sie können nicht über sexuelle Sachen reden, wenn da noch eine Frau am Set ist. Umgekehrt ist das natürlich auch bei Lesben so. Ich habe speziell von Lesben sehr viel Zuspruch nach der Premiere des Films bekommen, insbesondere auch dafür, dass nicht versucht wurde, Lesben UND Schwule im gleichen 90-Minüter abzuhandeln. Zudem bilden Lesben das Ende des Films –  als sie mit dem Dyke March 2016 bewusst den schwul dominierten Nollendorfkiez abmarschierten und dabei auch auf Transparenten ihre zunehmende Unsichtbarkeit benennen. Einige Zuschauerinnen des Films hat es darin bestätigt, dass ein Film zu den Lesben überfällig ist. Und ich denke, der fehlt nicht nur zu den Lesben.

Hast Du nie das Gefühl, Dir könnten die Stoffe ausgehen?

Nein, die gehen einem nicht aus. Wobei ich sagen muss, dass diese historischen Stoffe natürlich auch anstrengend sind. Es macht im Prozess mehr Spaß, Dinge zu zeigen, mit denen man freier umgehen kann, auch in der Gestaltung. Hier bestand die Herausforderung darin, dass es der erste Film ist, der diese große Zeitspanne umfasst. Egal wie subjektiv man erzählt, das ist immer auch eine große Verantwortung. Und es wird immer Zuschauer geben, die fragen, warum diese Person oder jenes Ereignis fehlt?

Früher gab es TV-Produzenten, die z.B. hinter meinem Rücken laut gesagt haben: Mit schwulen Säuen drehe ich nicht.

Du lebst in Berlin und Hamburg, dort auch schon viel länger. Sind Dir die Hamburger böse, dass du keinen Film über ihre Stadt gemacht hast?

Nee, man könnte das durchaus machen. Als Filmemacher mit queeren Themen erfährt man in Hamburg keine sonderliche Beachtung – was auch entspannend ist. Die Größe des Publikums und die alternativen Abspielstätten sind dort begrenzt. Ich gestehe gerne, dass ich zu Hamburg eine Hassliebe entwickelt habe.

Keine andere deutsche Stadt hat vom Exodus ihres kreativen Personals nach Berlin so stark gelitten wie Hamburg.

Hamburg hat eine unabhängige Szene. Es ist aber eine eher bürgerliche Stadt, in der es auch viel um Äußerlichkeiten geht. Irgendwann braucht man dort eine Beziehung, dann geht es darum, dass man gut wohnt, dass man einen guten Job hat, schön verreist usw. und am besten noch das Gleiche für den Partner. Richtig wild zeigt man sich eher woanders. In Hamburg ist es auch so, dass die Schwulen – ganz anders als in Berlin – viel früher aus der Szene verschwinden, wenn sie ein bestimmtes Alter haben. Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich fand Hamburg Anfang der 80er sehr aufregend, St. Pauli hatte damals noch etwas Abenteuerliches. Es fing dann an mit diesen ins Deutsche übersetzten US-Musicals. St. Pauli ist heute eine kommerzielle Sauf-, Amüsier- und Touristenmeile. Ich finde es heute in Hamburg einfach insgesamt kulturell weniger anregend als früher. Aber Hamburg ist auch viel kleiner als Berlin. Und es hat auch keine andere deutsche Stadt vom Exodus ihres kreativen Personals ab Mauerfall nach Berlin so stark gelitten wie Hamburg. Der Fluchtweg war einfach immer zu kurz. Dafür ist es aber eine wunderschöne Stadt, im Vergleich zu Berlin auch sehr erholsam.

Dein Film wurde vom RBB gefördert und wird auch im Fernsehen zu sehen sein.
Der zuständige Redakteur war sehr unterstützend, er hat das Potenzial gesehen. Früher gab es TV-Produzenten, die z.B. hinter meinem Rücken laut gesagt haben: „Mit schwulen Säuen drehe ich nicht“.

Heute auch noch?
Heute nicht mehr, aber ich könnte mir vorstellen, dass es sie noch gibt. Die sagen so etwas aber mittlerweile leise.

Previews:

19. Juni Hamburg
20. Juni Köln
21. Juni Bochum
26. Juni Berlin (MonGay)
28. Juni Karlsruhe

Weitere Termine:

www.wunderbares-west-berlin.de/

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