«Ein aktiver Spieler soll sich outen, um eine Lanze zu brechen»

Bis 2014 stand Hysén beim Göteborger Drittligisten Utsiktens BK unter Vertrag. (Foto: Gustaf Söderblom)
2011 hat sich der schwedische Fussballprofi Anton Hysén öffentlich geoutet. Seitdem ist im Fussball einiges, aber nicht allzu viel passiert. Der 26-Jährige erklärt, warum er diesen Schritt nicht von allen schwulen Spielern erwartet, ihn sich aber doch von einigen wünscht.

Anton, vor über sechs Jahren hast du dich öffentlich geoutet. Was hat sich für dich seitdem verändert?
(Lacht) Alles! Ich bin zwar immer noch derselbe Mensch, aber ich habe das Gefühl, dass ich medial präsenter bin. Ich war viel mehr im Fernsehen und in Unterhaltungsshows zu sehen. Ich habe aber die ganzen sechs Jahre lang Fussball gespielt.

All die TV-Auftritte haben sich nur ergeben, weil du dich geoutet hast.
Mein Nachname ist im schwedischen Fussball geschichtsträchtig. Mein Vater hat für Liverpool gespielt, als der Club das letzte Mal die Premiere League gewonnen hat. Alleine der Name hat sehr geholfen – sich als Fussballer zu outen aber natürlich auch.

Hattest du vor dem Coming-out Angst, dass es deiner Karriere schaden würde?
Nicht wirklich, denn ich spiele Fussball, weil ich gut darin bin. Und ich spiele für ein Team, in dem man mich als Spieler mag. Wieso sollte ich bei einer Mannschaft spielen, die das nicht so sieht? Mit Freunden und der Familie ist es dasselbe: Wenn sie dich nicht so unterstützen, wie du bist – wieso sollte ich dann etwas mit ihnen zu tun haben?

Foto: Gustaf Söderblom

Deine Mannschaft hat das Coming-out positiv aufgenommen. Hast du zuvor Homophobie erlebt?
Eigentlich war es genau andersherum. Jahre zuvor hatte ich in einer TV-Show jemanden für sein Schwulsein fertig gemacht. Er hatte sein Coming-out schon viel früher und wusste, was er im Leben wollte.

Bereust du das heute?
Natürlich! Niemand sollte das jemandem antun. Emil ist eine echte Legende. Er macht Dragqueen-Shows und ist ein bekannter Sänger in Schweden. Er wusste, wer er war, und ich glaube, ich war einfach nur neidisch darauf. Ich war unsicher, weil ich wusste, dass ich nicht der war, der ich sein wollte. Vor einiger Zeit habe ich mich im Fernsehen öffentlich bei ihm entschuldigt. Ich habe gesagt, dass ich immer zu ihm aufgeschaut habe. Heute ist er ein wirklich guter Freund.

Man muss respektieren, dass Hitzlsperger sich nicht als Aktivspieler geoutet hat.

Hast du Kontakt zu anderen schwulen Fussballern, etwa Robbie Rogers oder Thomas Hitzlsperger?
Nein, ich habe nie mit ihnen geredet. Nach meinem Coming-out habe ich nicht wirklich damit gerechnet, dass andere folgen würden. Aber dann kam Robbie Rogers und danach Hitzlsperger. Es ist auf jeden Fall gut, dass sie das gemacht haben, denn nur so sehen die Leute, dass es mehr von uns gibt. Sie haben meinen Respekt!

Wie hast du reagiert, als du 2014 von Hitzlspergers Coming-out gehört hast?
Ich war nicht wirklich schockiert. Ich wusste, dass es noch mehr da draussen gibt – nach meinem Coming-out hatte ich viele anonyme E-Mails von anderen Spielern erhalten. Für Hitzlsperger habe ich mich vor allem gefreut. Endlich konnte er sich selbst sein.

Aber er hat sich erst geoutet, als er seine Fussballkarriere beendet hat.
Ja, und das muss man respektieren. Nicht jeder will sich als aktiver Spieler outen, auch wenn ich glaube, dass wir genau das brauchen. Ein aktiver Spieler sollte sich outen, um so eine Lanze zu brechen. Ich habe mich geoutet, aber ich war nicht in einer Top-League.

Foto: Gustaf Söderblom

Letzten Dezember hast du dem «Mirror» erzählt, dass du dir das Coming-out eines Spielers der britischen Premiere League wünschst. 
Ja, aber das ist echt nicht einfach. Ausserdem muss man daran denken, dass nicht nur die schwulen Sportler Verantwortung übernehmen müssen. Ich denke, dass wir auch auf der anderen Seite Verbündete brauchen. Andere Spieler in der Premiere League, zum Beispiel. Man muss nicht schwul sein, um LGBT zu unterstützen. Genauso, wie wir Kampagnen gegen Rassismus machen, sollte es auch mehr Kampagnen gegen Homophobie geben.

Du hast zuvor von anonymen E-Mails erzählt. Was haben dir die Spieler geschrieben?
Viele meinten, wie mutig es war, die Wahrheit zu sagen. Sie waren so erleichtert, dass ihnen jemand zeigte, wie es gehen kann. Es hat mich glücklich gemacht, dass ich anderen Leuten helfen konnte. Aber, um fair zu sein: Nicht jeder will im Rampenlicht stehen und der Welt sagen, dass er schwul ist. Und das respektiere ich auch.

Du hast in der dritten schwedischen Liga gespielt, als dein Coming-out ein weltweites Echo ausgelöst hat. Wären die Reaktionen dreimal stärker, wenn sich jemand aus der ersten Liga outen würde?
Nicht zwangsläufig. Wenn er einfach sagen würde «Ja, ich bin schwul, aber jetzt spiele ich wieder Fussball», dann macht er keine grosse Sache daraus. Man muss nicht mit jedem Magazin darüber reden. Wenn er nur ein Interview zum Thema geben würde, dann würde das reichen. Wir alle machen die Sache grösser, als sie wirklich ist.

Wann hast du realisiert, dass du Männer magst?
Ich glaube, das weiss man sein ganzes Leben. Aber ich habe es irgendwie verdrängt. Ich hatte zwei Jahre lang eine Freundin und alles war gut, aber irgendwann hat mir etwas gefehlt. Ich glaube, ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, als ich 18 oder 19 war.