«Ohne Selbstausbeutung geht es nicht»

Der schwule Buchladen der ersten Stunde, das 1978 eröffnete Prinz Eisenherz, heisst mittlerweile nur noch Eisenherz und will ein queeres Publikum ansprechen. (Foto: Stephan Lücke, Christian Jaeggi)
Schwule Buchläden gab es bis vor einigen Jahren in zahlreichen deutschsprachigen Städten – übrig geblieben sind vier: die Buchhandlung Eisenherz in Berlin, der Erlkoenig in Stuttgart, Arcados in Basel und das Löwenherz in Wien. Warum mussten so viele schwule Buch­handlungen schliessen – und wie schaffen es die verbliebenen, am Markt zu bestehen?

«Beards: An Unshaved History», «The Big Penis Book», «Der junge Ralf König» – die Buchhandlung Löwenherz in Wien ist für Freunde schwuler Literatur eine wahre Fundgrube. Mit mehr als 12 000 lagernden Titeln quillt das Sortiment förmlich über, dank der gemütlichen Atmosphäre macht das Stöbern ungemein Spass. Die Inhaber, Jürgen Ostler, 53, und Veit Schmidt, 51, geben gerne Tipps zu interessanten Neuerscheinungen und sind auch sonst nicht auf den Mund gefallen. Neben Büchern füllen internationale Gay-Magazine, DVDs und Pride-Artikel das Geschäft in der Wiener Berggasse.

Aktiver Teil der Community
1993 wurde die Buchhandlung Löwenherz gegründet – damals als Firma gemeinsam mit dem benachbarten Café Berg. Die damaligen Besitzer wählten 3500 Bücher aus und waren damit Wiens schwule Buchhändler der ersten Stunde.

Die Buchhandlung Löwenherz in Wien besteht seit 1993 und sieht sich als aktiven Teil der Community.

Seitdem hat sich viel getan, vor allem, was das Kaufverhalten der Kundschaft angeht: «Über uns allen schwebt das grosse Böse», sagt Jürgen Ostler augenzwinkernd und spielt damit auf den US-amerikanischen Onlineversandhändler Amazon an. «Die haben dem Buchhandel den Krieg erklärt und wollen alles plattmachen. Amazons Ziel ist die totale Kontrolle über den Markt.»

«Reich wird man nicht. Dafür sind wir definitiv in der falschen Branche.»

Die Buchhandlung Löwenherz punktet mit dem, was Onlinehändler nicht bieten können: optimalem Service, Kundennähe, Events. «Wir haben eines der international grössten Sortimente an schwul-lesbischer Literatur und besorgen darüber hinaus jedes lieferbare Medium innerhalb kürzester Zeit», so Ostler. «Zudem sehen wir uns als aktiven Teil der Community. Wir haben uns von Anfang an für die Regenbogenparade engagiert und zählen zu den etablierten Orten lesbischen und schwulen Lebens in Wien.» Doch: Grosse Sprünge kann das Löwenherz nicht machen, der Laden ist gerade eben kostendeckend. «Reich wird man als schwuler Buchhändler nicht. Dafür sind wir definitiv in der falschen Branche.»

Knackpunkt Finanzen
Das wirtschaftliche Auskommen ist für schwule Buchhandlungen tatsächlich immer schon ein heikles Thema gewesen. «Ohne Selbstausbeutung haben schwule Buchläden noch nie funktioniert», sagt etwa der Besitzer des Stuttgarter Buchladens Erlkoenig, Thomas Ott. «Mein Rentenbescheid liest sich wie ein Witz, vorausgesetzt, man hat Sinn für absurden Humor.»

Thomas Ott arbeitet intensiv am Fortbestand des Buchladens Erlkoenig in Stuttgart.

Der Erlkoenig ist, ähnlich wie das Löwenherz in Wien, zusammen mit einem Szenelokal eröffnet worden. Die Initiative entstand 1983 aus der Schwulenbewegung heraus, sozusagen als Fortsetzung der politischen Emanzipationsbewegung. Wurde der Laden zuerst lange von einer Gruppe von Leuten geführt, die sich aus verschiedenen Stuttgarter Schwulengruppen rekrutierten, ist Ott seit 2014 alleiniger Besitzer.

Er arbeitet intensiv daran, den Fortbestand des Ladens zu sichern. «Erfolgsrezept des Erlkoenigs ist es, sich ständig neu zu erfinden und Artikel anzubieten, die es wirklich nur hier gibt», sagt Ott. «Wir haben einen Bereich mit antiquarischen Büchern aufgebaut und verfügen über eine große Filmabteilung. Aus dem schwulen Buchladen von einst ist längst ein Geschäft geworden, der den ganzen LGBT-Bereich abdeckt.»

Trotz aller Bemühungen ist die wirtschaftliche Situation des Erlkoenigs kritisch. «Das Ladengeschäft läuft seit vielen Jahren nicht gerade rosig. Zum Glück geht es online nach und nach aufwärts. Hier zahlt sich die ganze Arbeit, die wir in den Shop gesteckt haben, langsam aus.»

Nach vierzig Jahren ist Schluss. Peter Thommen schliesst seine Buchhandlung in Basel.

Dass ein schwules Vollsortiment und umfassender Service im Buchhandel keine grossen Gewinne erwirtschaften, zeigen viele Beispiele pleitegegangener schwuler Buchläden. Noch bis vor einigen Jahren gab es einige: die Buchhandlung Oscar Wilde in Frankfurt, Männerschwarm in Hamburg, Max & Milian in München, Ganymed in Köln, Männertreu in Nürnberg. Alle haben irgendwann aufgeben.

Auch Peter Thommen wird Ende 2017 in Rente gehen, nachdem er im April das vierzigjährige Bestehen seiner Buchhandlung «Arcados» feiern konnte. «Ich bin seit zehn Jahren überflüssig!», sagt er gegenüber der Mannschaft. Die Gesellschaft habe sich gewandelt und gebe visuellen Inhalten den Vorzug. Die klassischen Medien verlieren immer mehr an Bedeutung, findet der 67-Jährige, der sich seit den Siebzigerjahren in der Basler Schwulenszene engagiert. Die Räumlichkeiten seiner Buchhandlung werde er als Archiv benutzen, um die gesammelten Schriften und Publikationen der letzten Jahrzehnte zu überarbeiten und zu sortieren, um sie irgendwann dem Schwulenarchiv in Zürich oder dem Staatsarchiv in Basel zu vermachen.

1978 erster schwuler Buchladen
Deutschlands schwuler Buchladen der ersten Stunde hat bis heute überlebt: die Buchhandlung Prinz Eisenherz in Berlin, 1978 von Peter Hedenström eröffnet. Drei Jahre zuvor hatte er mit zwei weiteren Westberliner Studenten, Elmar Kraushaar und Volker Bruns, einen schwulen Buchverlag gegründet, den Verlag Rosa Winkel. Der Name bezog sich auf das Kennzeichen, das schwule KZ-Gefangene tragen mussten. Die schwulen Verleger bauten ein Versandgeschäft auf und belieferten die Kunden direkt, der klassische Buchhandel wurde aber nicht erreicht.

Dies führte zur Gründung des Buchladens Prinz Eisenherz, der sich schnell zum Szenetreffpunkt schwuler Aktivisten, Literaturliebhaber und der Westberliner Intelligenzija entwickelte. Die Regale in der Bülowstrasse wurden bald zu eng, sodass der Laden Mitte der Achtzigerjahre in die Bleibtreustrasse nahe des Savignyplatzes in Charlottenburg umzog. Das Eisenherz genoss bald den Ruf als weltweit bestsortierte schwule Fachbuchhandlung. Seit 2013 befindet sich der Laden im schwulen Herzen Berlins, in der Motzstrasse.

Wirtschaftliche Überlegungen spielen auch im Eisenherz eine Rolle. Doch der Laden steht insgesamt auf einem soliden finanziellen Boden. «Reich wird man mit Bücherverkaufen nicht, aber das ist ein generelles Buchladenproblem und kein spezifisch schwules», sagt Roland Müller-Flashar, 57. «Hinzu kommt sicherlich, dass ein schwuler Buchladen für die heutige Generation schwuler Männer nicht mehr so identitätsstiftend ist wie vor vierzig Jahren, als Prinz Eisenherz gegründet wurde. Das sieht man ja auch daran, dass es für jüngere Leute nicht mehr so wichtig ist, schwule Bars aufzusuchen.»

Um den Laden aufrechtzuerhalten, ist viel Arbeit und Engagement nötig. «Man muss immer dranbleiben, anders funktioniert es nicht», sagt Roland Müller-Flashar. «Pressearbeit, Veranstaltungen, Werbung, Anzeigen, Lesungen, Vorträge, Lesegruppen – all das ist nötig, um im Gespräch zu bleiben. Zumindest haben wir einen Standortvorteil, Berlin ist ja Touristenmagnet. Und es macht auch wirklich Spass, mit schwulen Büchern zu handeln.»

Fotos von Stephan Lücke und Christian Jaeggi