Spanien einmal anders

Der Leuchtturm von Cabo Vilán soll Schiffe von der gefährlichen Todesküste im Nordwesten Galiciens fernhalten.
In Galicien im äussersten Nordwesten der iberischen Halb­insel zeigt sich Spanien von einer ganz ungewohnten Seite. Ausgangspunkt für Entdeckungstouren ist der historische Wallfahrtsort Santiago de Compostela. Ein weiteres Highlight ist die Hafenstadt A Coruña, die für ihre verglasten Balkonfassaden bekannt ist.

Zwischen Galicien und dem übrigen Spanien liegen unwegsame Gebirge, deren Gipfel mehr als 2000 Meter in die Höhe ragen und während vielen Jahrhunderten für eine ziemliche Isolation gesorgt haben. Die abgelegene Lage Galiciens hielt andere Völker dennoch nicht vollständig davon ab, sich für diesen Landstrich im Norden Spaniens zu interessieren. Etwa ab dem 7. Jahrhundert vor Christus kamen Kelten ins Land, später die Römer und anschliessend sogar die Germanen. Nachdem Galicien später für mehrere Jahrhunderte ein eigenständiges Königreich war, wurde das Gebiet ab 1833 der spanischen Regierung unterstellt.

Im 19. Jahrhundert führten die wirtschaftlichen Probleme dieser schwach entwickelten Region zu einer Massenauswanderung. Man geht davon aus, dass rund 2,5 Millionen Menschen das Land verlassen haben, viele mit dem Ziel Südamerika. Erst kürzlich hat sich in Galicien eine erfolgreiche Bekleidungsindustrie entwickelt, wobei sich international insbesondere die Modekette Zara etablieren konnte. Diese hat ihren Hauptsitz in der Nähe von A Coruña, wo sie auch viele neue Arbeitsplätze geschaffen hat. Galicisch, die traditionelle Sprache dieser Region, ist mehr mit dem Portugiesischen als mit dem Spanischen verwandt. Lange Zeit waren Veröffentlichungen auf Galicisch verboten, doch dies hat sich mit dem Ende der Franco-­Diktatur glücklicherweise wieder geändert.

Das Ende des Jakobsweges
Santiago de Compostela ist neben Rom und Jerusalem die drittwichtigste Pilgerstätte der Christenheit. Dementsprechend wird die Stadt alljährlich von Hundertausenden von Menschen aus aller Welt besucht, wobei ein grosser Teil davon auf dem Jakobsweg gewandert ist. Wer die Touristenmassen umgehen möchte, besucht den Wallfahrtsort am besten im Winterhalbjahr. Dann begegnet man in den engen Gassen der schmucken Altstadt, die zum Weltkulturerbe gehört, nur selten ausländischen Besuchern. Die Ursprünge dieser Pilgerstadt reichen übrigens bis ins Jahr 813 zurück. Damals wurden an diesem Ort angeblich die Gebeine des Apostels Jakobus – auf Spanisch Santiago – in einem Grab entdeckt. In der Folge pilgerten gläubige Christen aus ganz Europa auf dem Jakobsweg nach Galicien, um das Grab zu besuchen.

Das Rathaus von A Coruña aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert zählt zu den schönsten Bauten der Stadt.

1075 wurde der Grundstein für die Kathedrale von Santiago de Compostela gelegt, doch dauerte es nochmals 136 Jahre, bis dieses imposante Gottes­haus mit seinen 74 Meter hohen Glockentürmen fertiggestellt wurde. Heute ist die Kathedrale, die einen prachtvollen Stilmix aus romantischer, barocker und gotischer Architektur aufweist, das mit Abstand bekannteste Wahrzeichen der Stadt. Direkt daneben befinden sich die entzückende Praza da Quintana de Mortos sowie der weitläufige Hauptplatz der Stadt, die Praza de Obradoiro. Auf Letzterem wurden während des Baus der Kathedrale die Steine der barocken Fassaden bearbeitet, was dem Platz seinen Namen verliehen hat. Obradoiro bedeutet auf Galicisch nämlich so viel wie Werkstatt.

Die Stadt aus Glas
Charmant ist sie, aber gleichzeitig etwas rau. Die Rede ist von A Coruña, der grössten Stadt Galiciens, die am Atlantischen Ozean liegt und deren Geschichte eng mit ihrem alten Fischer- und Handelshafen verbunden ist. So war es im Hafen, wo die Nationalheldin Maria Pita im Jahre 1589 einem Angriff der britischen Kriegsflotte unter Führung von Sir Francis Drake entgegentrat und wohl mit ihrem Mut dafür sorgte, dass die Engländer die Stadt nicht einnehmen konnten.

Aufgrund ihrer Glasgalerien wird die galicische Metropole A Coruña auch Kristallstadt genannt.

Noch heute begegnet man ihrem Namen in A Coruña auf Schritt und Tritt und ist beispielsweise der grösste und wichtigste Platz der Stadt, die Praza de Maria Pita, nach ihr benannt. Eine übergrosse Statue der Heldin thront in dessen Mitte, wo sie das hektische Treiben in den zahlreichen Restaurants und Cafés überschaut. Auf der Westseite des Platzes befindet sich das Rathaus, ein elegantes und monumentales Gebäude aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert. An den übrigen drei Seiten wird die Praza von herrschaftlichen Häusern mit weissen verglasten Galerien abgeschlossen. Diese Glasgalerien, die zu den bekanntesten architektonischen Merkmalen von A Coruña gehören, sind im Stadtkern ein häufiger Anblick.

Nur ein paar Schritte vom mittelalterlichen Zentrum entfernt gelangt man zum langgezogenen Stadtstrand Praia do Orzán. An heissen Sommertagen, von denen es in Galicien jedoch nur wenige gibt, geht es hier ziemlich hektisch zu und her. An allen übrigen Tagen trifft man an diesem Strand jedoch höchst selten auf Sonnenanbeter, sondern viel eher auf einsame Strandspaziergänger oder Surfer im Ganzkörperanzug. Letztere freuen sich über die starke Brandung, die man hier regelmässig vorfindet.

Wer sich nicht ins sprichwörtlich kalte Nass wagen will, gelangt von der Praia do Orzán aus auf der längsten Fussgängerpromenade Europas, die stattliche 13.5 Kilometer misst, zu weiteren Sehenswürdigkeiten der Stadt. Zunächst erreicht man das Domus-Museum, das sich in einem futuristischen Gebäude des bekannten japanischen Architekten Arata Isozaki befindet. Hier werden in verschiedenen Ausstellungsräumen die unterschiedlichen Eigenschaften des Menschen informativ präsentiert.

Am langgezogenen Stadtstrand Praia do Orzán in A Coruña ist nur selten Badewetter angesagt.

Staunen und geniessen
Nach einem weiteren Kilometer gelangt man zum Turm des Herkules, dem einzigen noch funktionierenden römischen Leuchtturm. Er wurde zu Beginn des zweiten Jahrhunderts von Kaiser Trajan erbaut und gehört seit 2009 zum Weltkulturerbe. Das Aquarium Finisterrae, das sich ganz in der Nähe des Turmes befindet, ist eins der wichtigsten Aquarien Spaniens und hat zudem interaktive Ausstellungsräume, die Besuchern die Meereswelt näher bringen. Folgt man nun der Promenade, kommt man nach einem längeren Fussmarsch automatisch an der Burg von San Antón vorbei, die im späten 16. Jahrhundert zur Verteidigung des Hafens und des Stadtzentrums erbaut wurde. Sie beherbergt heute ein archäologisches Museum, in dem ein guter Einblick in die galicische Prähistorie gegeben wird.

Zurück im Stadtzentrum bietet sich die Gelegenheit, in einem der unzähligen Restaurants die lokale Küche besser kennen zu lernen. Zu den typischen Speisen dieser Region Spaniens gehören Meeresfrüchte in allen Variationen sowie schmackhafte Fischgerichte wie beispielsweise «Merluza a la Gallega» – Seehecht auf galicische Art mit Zwiebeln, Knoblauch und Karotten. Ebenfalls zu empfehlen sind gefüllte Teigtaschen, Empanadas genannt, sowie die Spazialität «lacón con grelos» – Schweineschulter mit Rübenkraut.

Gay Life

Während der katholisch geprägten Franco-­Diktatur wurden Schwule und Lesben in Spanien verfolgt und ab 1970 gar in Straf­anstalten eingewiesen, in denen sie von der Homosexualität geheilt werden sollten. Auch nach der Demokratisierung Spaniens lehnte die damalige konservative Regierung jegliche Legalisierung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften ab. Erst als 2004 die Sozialisten an die Macht kamen, wurde die Öffnung der Ehe durch Ministerpräsident Zapatero vorangetrieben. Am 3. Juli 2005 trat schliesslich das entsprechende Gesetz in Kraft, womit Spanien das weltweit dritte Land wurde, das die Ehe für Schwule und Lesben öffnete. Dennoch versuchte die Rechtspartei Partido Popular nach dem Machtwechsel 2011 die Homo­ehe für ungültig erklären zu lassen. Die Klage wurde von den Richtern jedoch mit grosser Mehrheit abgewiesen. Heute gehört Spanien zu den offensten Ländern der Welt, was die Akzeptanz von Schwulen und Lesben betrifft. Dies hat dazu beigetragen, dass das Land zur beliebtesten europäischen Reisedestinationen für Schwule und Lesben avanciert ist. Im ländlich geprägten Galicien ist die Aufgeschlossenheit der Bevölkerung geringer als in Sitges, auf Ibiza oder Gran Canaria. Dennoch werden Schwule und Lesben freundlich empfangen und existiert insbesondere in A Coruña eine lebhafte Szene mit Bars und Clubs — menkarta.es

Auf einen Blick

Anreise: Die spanische Fluggesellschaft Iberia bietet Flüge ab der Schweiz und Deutschland nach Santiago de Compostela sowie A Coruña an (ab CHF 140.–/ EUR 150.–) — iberia.com

Beste Reisezeit: Von Juni bis September, doch kann das Wetter ganzjährig unbeständig sein. Deshalb lohnt sich ein Besuch Galiciens durchaus auch in der ruhigeren Nebensaison.

Sprache: Die offiziellen Landessprachen sind Spanisch und Galicisch. Vielerorts kann man sich jedoch auch gut mit Englisch durchschlagen.

Einreise: Schweizer und EU-Bürger benötigen eine Identitätskarte oder einen Personalausweis, um in Spanien einreisen zu können.

Sicherheit: Galicien gilt als sicheres Reiseziel.

Weitere Informationen: turismo.gal

Am Ende der Welt
Im Mittelalter, als die Erde in den Köpfen der Menschen noch eine Scheibe war, galt die Halbinsel westlich von A Coruña als das linke Ende der Erde. Deshalb hiess die Gegend im Lateinischen «finis terrae», was so viel bedeutet wie das Ende der Welt. Auch wenn man inzwischen weiss, dass es hinter dem Kap Finisterre mehr als nur ein gutes Stück weitergeht, hat der Ort nicht an Reiz verloren. Viele Pilger wandern, nachdem sie in Santiago de Compostela das Grab des Apostels Jakobus besucht haben, noch weiter bis zu diesem magischen Ort.

Auch wenn Galicien nur gerade so gross ist wie Belgien, beträgt die Küste aufgrund des weit verzweigten Verlaufs fast 1700 Kilometer, was rund einem Drittel der gesamten spanischen Küste entspricht. Charakteristisch sind insbesondere die sogenannten Rías, fjordähnliche Flussmündungen, in die das Meer eingedrungen ist. In diesen Flussmündungen mischen sich Süss- und Salzwasser, weshalb hier Meeresfrüchte und Muscheln besonders gut gedeihen. Deshalb sind viele Rías auch der Arbeitsplatz von Muschelsammlern und Fischern.

Im Abendlicht wirkt der historische Wallfahrtsort Santiago de Compostela besonders mystisch.

Etwas nördlich von Finisterre befindet sich der Leuchtturm von Cabo Vilán an der sogenannten Todesküste. An dieser liefen bereits zahlreiche grosse Handelsschiffe auf Grund, worauf für die Besatzungen zwischen den messerscharfen Felsen oftmals jede Hilfe zu spät kam. Vom Cabo Vilán aus führt ein schöner Wanderweg bis zum gemütlichen Hafenstädtchen Camariñas, in dem noch heute die meisten Leute vom Fisch­fang leben. Schwindelfreien empfiehlt sich anschliessend ein Abstecher zur Serra da Capelada etwas nordöstlich von A Coruña, wo man die höchsten Kliffs des europäischen Kontinents findet. Die bis zu 620 Meter hohen Felswände weisen ein Gefälle von über 80 % auf.

Es ist ein unvergessliches Erlebnis, vom Aussichtspunkt Vixía Herbeira das aussergewöhnliche Panorama auf den Atlantik und die wilde Küste Galiciens zu geniessen, bevor man zu weiteren Entdeckungstouren durch dieses faszinierende und sehr aussergewöhnliche Region Spaniens aufbricht.

Fotos von Andreas Gurtner

Insidertipps


Dieses Hotel liegt direkt an der Praia do Orzán, dem Stadtstrand von A Coruña. Von hier aus ist die Altstadt bequem zu Fuss zu erreichen. Die meisten der frisch renovierten Zimmer bieten eine schöne Aussicht über den Atlantik. Zum Angebot des Hotels zählen ein Restaurant, eine Cafeteria, ein Fitnessraum sowie eine Tiefgarage. Morgens wird jeweils ein abwechslungsreiches Frühstück serviert, das nebst den bekannten internationalen Optionen auch regionale Spezialitäten wie Churros mit heisser Schokoladensauce, spanische Kartoffeltortillas, Käsevariationen und verschiedene Olivenöle beinhaltet — melia.com

Dieses Hotel befindet sich innerhalb der Mauern eines wunderschönen Palastes aus dem 15. Jahrhundert. Es liegt direkt neben der berühmten Kathedrale von Santiago. Nebst luxuriös ausgestatteten Zimmern und Suiten erwarten die Gäste hier zwei Spezialitätenrestaurants sowie eine Bar. Der Palast, der 1499 als Übernachtungsgelegenheit für vermögende Pilger eröffnet wurde, gehört zu den ältesten Hotels der Welt. Speziell ist, dass es im Innern des Gebäudes gleich vier alte Kreuzgänge gibt, die den Gästen seit Jahrhunderten zum Gebet und zur Meditation zur Verfügung stehen — parador.es


Dieses luxuriöse Spahotel, das zur renommierten Hotelvereinigung Relais & Châteaux gehört, befindet sich etwas ausserhalb von Santiago in einer historischen Papiermühle aus dem 18. Jahrhundert. Jedes Zimmer ist individuell mit einer Mischung aus antiken und modernen Elementen gestaltet. Hotelgäste können durch die 2,5 Hektar grosse Gartenanlage schlendern oder sich im Spabereich entspannen. Dieser bietet nicht nur ein Hallenbad, sondern auch eine Sauna, einen Whirlpool sowie ein türkisches Bad. Zudem wird eine breite Palette von Anwendungen und Massagen angeboten — aquintadaauga.com