«Obama war supercool»

Rapper Macklemore spricht mit der MANNSCHAFT über seinen neuen Song «Glorious», LGBT-Rechte und (Ex)Präsidenten. (Foto: Warner Music)
Der Rapper Macklemore alias Ben Haggerty aus Seattle wird mit Grammys und MTV-Awards überschüttet, Schmusekurs ist aber nicht sein Ding. In aufrüttelnden Songs beackert der 34-Jährige Reizthemen wie Drogen und Rassismus und übt Kritik am amerikanischen Sozialsystem. Die Mannschaft sprach mit dem Weltstar und Selfmade-Millionär, der sich als Botschafter der Vereinten Nationen für die Rechte von Homosexuellen einsetzt.

Im Videoclip «Glorious» überraschst du deine Oma Helen zum 100. Geburtstag in Kalifornien – und erfüllst ihr jeden Wunsch. Ist das Video wirklich direkt am Geburtstag entstanden?
Ja, und zwar in Modesto, wo meine Oma lebt. Ich wollte sie überraschen und nahm sie mit auf eine verrückte Reise. Unser Verhältnis ist sehr eng, meine Oma hat einen tollen Humor und einen ganz eigenen Stil, weshalb sie für mich schon immer eine grosse Inspiration war. Wenn man älter wird, fängt man an, die Familie viel mehr wertzuschätzen, als man es in der Jugend tat. Helen ist die einzige, die noch da ist, meine anderen drei Grosseltern habe ich leider schon verloren.

Gibt deine Grossmutter dir Stärke, wenn du dich mal schwach fühlst?
Definitiv! Ich meine, sie ist jetzt seit hundert Jahren auf der Welt. Mit ihrer Lebensweisheit hat sie schon oft ermutigend auf mich eingewirkt.

Lebst du, um zu arbeiten?
Diese Frage ist einfach zu gross, ich habe darauf noch keine befriedigende Antwort gefunden. Vielleicht liegt ja der Sinn des Lebens darin, die Welt besser zu machen, als sie bei der Geburt war, was immer auch dein Beitrag dazu ist. Damit meine ich nicht die Arbeit, aber wenn du an etwas wirklich glaubst, dann solltest du auch hart daran arbeiten.

«Wir müssen nicht nur die Gleichberechtigung schützen, auch viele andere Rechte sind in Gefahr.»


Ich denke, der Sinn des Lebens ist, viel Zeit mit den Menschen zu verbringen, die man liebt. Es geht darum, im Moment zu leben und sich mit dem Universum zu verbinden. Hilfsbereitschaft sollte immer vor Selbstsucht gehen. Es wäre wunderschön, wenn man mit dem Eindruck von dieser Welt gehen würde, dass sie durch einen ein kleines bisschen besser geworden ist.

Verstehst du deine Musik als eine Anleitung zum besseren Leben?
Mir geht es nicht nur um Musik. Sie ist nur eine von mehreren Strassen, auf denen ich mich bewege. Die Musikindustrie ist mir generell zu eigennützig und narzisstisch. Würde ich nur das eine machen, wären meine Wirkungsmöglichkeiten sehr eingeschränkt. Weisst du, ich engagiere mich auch für Jugendliche oder meine Gemeinschaft zuhause in Seattle. Jeder hat die Möglichkeit, praktisch täglich etwas zu bewirken. Man muss dafür kein grosser Musiker sein.

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Foto: Facebook

Du setzt dich als Botschafter der Vereinten Nationen für die Gleichberechtigung von LGBT-Menschen ein.
Ich weiss nicht, ob das mein offizieller Titel ist, aber das Thema Gleichberechtigung – insbesondere die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender – liegt mir sehr am Herzen. Deshalb werde ich mich weiter dafür engagieren.

Warum müssen LGBT-Rechte geschützt werden?
Wir müssen nicht nur die Gleichberechtigung schützen, auch viele andere Rechte sind in Gefahr.

Dies gilt nicht nur für die USA, sondern auch für andere Teile der Welt. In den USA haben wir einen Präsidenten, der gerade versucht, Transmenschen vom Militär auszuschliessen. Auch wenn wir mal einen kleinen Sieg einfahren, heisst das noch lange nicht, dass der Kampf beendet ist. Er geht auf jeden Fall weiter!

In deinem Album singst du von deinen Absichten: «Ich möchte gern nüchtern sein, aber ich liebe den Rausch». Wie sehr hast du dein Leben heute unter Konrolle?
Ich stehe gerade vor der Suchthilfe in meiner Heimatstadt Seattle, zu der ich immer noch regelmässig gehe. Ich kann mich nicht allein darauf verlassen, dass ich den Willen habe, nüchtern zu bleiben. Es kann theoretisch jeden Tag zu einem Rückfall kommen.

«In den USA haben wir einen Präsidenten, der gerade versucht, Transmenschen aus dem Militär auszuschliessen.»

Deshalb bin ich immer noch regelmässig bei meiner Gruppe. Selbst wenn ich in den USA unterwegs bin, hat das für mich Priorität und ich suche Einrichtungen in anderen Städten auf.

Was hilft dir gegen deine Sucht?
Durch die Meetings, mein soziales Engagement, meine Familie, meine Freunde und die Gespräche mit anderen Süchtigen finde ich Frieden. Immer, wenn ich zu meiner Gruppe gehe, komme ich aus mir selbst heraus. Seit ich clean bin, bin ich auch wieder viel kreativer. Manchmal gehe ich in ein Meeting in einer Phase, in der ich beruflich extrem unter Druck stehe. Als professioneller Musiker hast du dauernd irgendwelche Deadlines. Aber in den Meetings werde ich dann gewahr, wie klein und bedeutungslos das ganze Musikding eigentlich ist und worum es im Leben wirklich geht. Andere Drogenkarrieren sind ja noch viel, viel schlimmer als meine verlaufen. Das macht mich demütig.

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Foto: Warner Music

Was hat dich stimuliert, als du an deiner Platte arbeitetest?
Ich glaube, ich finde meine Inspiration im Alltag. Beim Autofahren, bei Gesprächen mit meiner Tochter, beim Bücherlesen. Wichtig ist, dass ich mit dem Songschreiben am Ball bleibe. Wenn man zu grosse Pausen einlegt, besteht die Gefahr, dass man Angst bekommt vor dem nächsten Song.

Gegen welche Dämonen kämpfst du sonst noch an?
Ich kämpfe eigentlich immer mit mir selbst. Mein Leben ist sehr busy und ich versuche immer, eine Balance zu finden zwischen meiner Arbeit und dem Leben mit meiner Frau und meiner Tochter. Auch die Tatsache, dass ich jetzt mit dir telefoniere, ist ein Opfer. Dafür bin ich jetzt nicht mit meiner Tochter zusammen. Aber die Pressearbeit ist mir auch wichtig. Ich liebe alle Aspekte meines Lebens, und manchmal muss man halt Opfer bringen. Das geht doch jedem Menschen so.

In deinem Album besingst du die gute alte Zeit. War früher alles besser?
Ich hatte einige gute Zeiten, Mann! Wenn man älter wird und das Leben als schwerer empfindet, weil man vielleicht einen anderen Präsidenten hat, blickt man gern zurück und sagt sich, früher – unter Obama – war das Leben einfach unbeschwerter. Gott, wie jung ich damals war!

Letztes Jahr hast du gemeinsam mit Barack Obama die MTV-Dokumentation «Prescription for Change – Ending America’s Opioid Crisis» gedreht. Wie war die Zusammenarbeit?
Grossartig, wirklich grossartig! Obama war supercool. Und das Thema lag ihm wirklich am Herzen, weshalb er auch gut vorbereitet war. Er hat sich die Zeit genommen, mit mir ausführlich über das Drogenproblem in den USA zu sprechen. Das war sehr kühn und mutig, denn damit kritisierte er ja auch die Pharmaindustrie und deren Lobbyisten. Aber es war genau richtig. Obama war einer der grössten Präsidenten, die wir hier je hatten. Ich habe es als grosse Ehre empfunden, die Dokumentation mit ihm machen zu dürfen.