«Der Mundgeruch am Morgen ist normal»

Mundgeruch-Beitragsbild
Wir alle kennen ihn, den Mundgeruch. So sehr wir ihn beim Gegenüber verschmähen, so sehr fürchten wir ihn bei uns selbst. Der Zahnarzt Klaas Friedel über die Ursachen des Mundgeruchs und wie man ihn loswerden kann.

Herr Friedel, wie entsteht Mundgeruch?
Mundgeruch, medizinisch Halitosis genannt, entsteht zu 85 bis 90 % durch Bakterien, die in der Mundhöhle organisches Material zersetzen, beispielsweise Essen oder körpereigene Materialien wie abgestorbene Zellen.

Gibt es mehrere Ursachen?
Es gibt viele mögliche Ursachen, die mit Abstand am häufigste findet sich auf der Zungenoberfläche. Auch Zahnfleischerkrankungen, offene Karies, eine mangelhafte Mundhygiene oder lokale Infektionen sind mögliche Auslöser. Zudem können Lebensgewohnheiten wie das Rauchen, ein starker Kaffeekonsum oder eine einseitige Ernährung wie die Atkins-Diät den Mundgeruch negativ beeinflussen.

«Im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist der Magen zu weniger als 0,1 % am Mundgeruch beteiligt.»

Ein Co-Faktor, den es nicht zu unterschätzen gilt, ist ein reduzierter Speichelfluss, der durch Medikamente wie Blutdrucksenker oder Psychopharmaka verursacht werden kann. Mundgeruch, der nicht in der Mundhöhle entsteht, kann durch Tumore, Fremdkörper in den Nasennebenhöhlen oder durch Entzündungen im Halsbereich verursacht werden. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist der Magen zu weniger als 0,1 % am Mundgeruch beteiligt.

Warum haben manche Menschen einen besonders starken Mundgeruch?
Hier kommen sicherlich mehrere der vorher genannten Faktoren zusammen, grundsätzlich kann es aber jeden treffen. Im Laufe seines Lebens ist fast jeder Mensch einmal von mehr oder weniger starkem Mundgeruch betroffen. In meiner Praxis habe ich es häufig bei schwulen Männern beobachtet. Die Ursache war immer eine ausgeprägte Zahnfleischentzündung. Als Therapie verschrieb ich eine professionelle Dentalhygiene, manchmal kombiniert mit Antibiotika. Darüber, warum ich das gehäuft bei schwulen Männern festgestellt habe, kann ich nur spekulieren. Bei einigen können sexuelle Praktiken dahinterstecken. Aber wie gesagt, das ist nur eine subjektive Beobachtung und nicht wissenschaftlich fundiert.

Dass man aus dem Mund nicht immer herrlich duftet, ist selbstverständlich. Ab wann spricht man von einem Problem?
Der Mundgeruch morgens nach dem Aufwachen ist natürlich normal. Von einem Problem würde ich sprechen, wenn er nach der normalen Mundhygiene nicht verschwindet, häufiger auftritt und man von seinem Umfeld darauf angesprochen wird. Expertinnen und Experten verwenden als Gradmesser die Entfernung, bei der man den Geruch beim Sprechen noch wahrnimmt. Immer genauer werden auch Geräte, die die Atemluft analysieren.

Wie wird der Mundgeruch behoben?
In rund 90 % der Fälle hilft der Gang zum Zahnarzt und zur Dentalhygiene. Hier werden die gängigen Co-Faktoren identifiziert, eingeschränkt oder ganz eliminiert. Fremdkörper wie Zahnstein und die Bakterienflora werden reduziert. Bei dieser Gelegenheit kann auch die Mundhygiene überprüft und optimiert werden. Der Patient erhält nach Bedarf einen Zungenreiniger in Kombination mit einer Mundspülung und wird über den richtigen Gebrauch instruiert. Nach einer Woche sollte eine Kontrolle stattfinden. Bei extremen Fällen von Halitosis, oder wenn Erstmassnahmen nicht fruchten, kann man sich auf einen Mundgeruch spezialisierten Experten oder Expertin wenden, oder in eine spezielle Mundgeruch-­Sprechstunde gehen, zum Beispiel an den Unis Basel, Bern und Zürich.

Zigarette-Mundgeruch
Das Rauchen kann den Mundgeruch negativ beeinflussen.

Gibt es Fälle von starkem Mund­geruch, die nicht heilbar sind?
Schwierig wird es, wenn allgemeinmedizinische Ursachen wie Tumore beteiligt sind oder auch Medikamente, die man nicht absetzen kann.

Lässt sich dem Mundgeruch vorbeugen?
Man empfiehlt, sowohl die Zunge als auch die Zähne dreimal täglich zu reinigen. Die Zahnzwischenräume nicht vergessen! Zudem gibt es die unterschiedlichsten Zungenreiniger und Zungenreinigungspasten. Dazu gibt es verschiedene Testberichte, die man im Internet nachlesen kann. Das allein seligmachende Hilfsmittel gibt es nicht.

Gibt es auch natürliche Hilfsmittel?
Wenn man die Empfehlungen gut und korrekt umsetzt, braucht es eigentlich nichts Weiteres. Nicht schaden können natürlich Tees wie Kamille oder Salbei. Kaugummis können auch kurzfristig helfen, weil sie den Speichelfluss erhöhen.

Wie würden Sie als Zahnarzt oder als Kollege eine Person auf Mundgeruch hinweisen?
Von mir als Zahnarzt wird es ja quasi erwartet, dass ich meine Patienten auf Mundgeruch hinweise. Aber auch als guter Freund sollte man Mundgeruch ansprechen dürfen. Wichtig ist ein guter Umgangston, vorwurfsvoll sollte es jedenfalls nicht klingen. Da man es als Betroffener häufig selber nicht merkt, ist man darauf angewiesen, dass jemand das einem mitteilt.
Ich selbst war auch schon betroffen und war sehr dankbar, dass mich ein Freund darauf angesprochen hat. So konnte ich ergründen, was die Ursache war, und entsprechend etwas dagegen unternehmen. Bei mir war es ein übermässiger Esspressokonsum gepaart mit Stress und einem nicht ganz konsequenten Befolgen meiner eigenen Empfehlungen (lacht). Das Problem war innert weniger Tage behoben.

Klaas Friedel, Zahnarzt – swissdentalcenter.ch

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Mundgeruch – Wie sag ichs ihm?
Mit Mundgeruch verhält es sich genauso wie mit anderen unangenehmen Körperausdünstungen. Wie sag ichs meinem Arbeitskollegen, dass er stinkt? Sag ich es ihm überhaupt oder hoffe ich darauf, dass es jemand anders tut? Oder er es selber merkt? Nun, lassen Sie sich gesagt sein, dass nur ganz wenige Menschen wirklich stinken möchten. Allen anderen ist es unangenehm. Gehen Sie also ruhig mal davon aus, dass Ihr Gegenüber froh ist, wenn es ihm jemand sagt. Die Hemmschwelle ist trotzdem gross. Mannschaft-Modeexperte Herr Bossart weiss das. Aber warum eigentlich diese Hemmung?

Es ist wie mit allem auf dieser Welt: «Der Ton macht die Musik.» Wer hingeht und sagt: «Du Stinksau, wann wäschst du dich endlich!?», der kann nur verlieren. Sprechen Sie das Thema an, ohne das Gegenüber blosszustellen. Also nicht dann, wenn andere mithören und womöglich noch kindisch kichern, weil sie selbst zu feige waren, es ihm zu sagen. Nein, so etwas macht man unter vier Augen.

Hier ein fiktiver Dialog, von dem Herr Bossart sich wünscht, dass er so abläuft:

A: «Du, sag mal, fällt dir nicht auf, dass du unangenehm aus dem Mund riechst?»
B: «Oh, echt?! Jesses. Nach was denn?»
A: «Ich weiss nicht. Hattest du gestern Knoblauch?»
B: «Äh … nein.»
A: «Hätte ja sein können. War mir schon einmal aufgefallen, habe aber nichts gesagt. Bei mir sind es die Zwiebeln, die meinen Mund stinken lassen. Ob es an der Zahnpasta liegen könnte?»
B: «Kann schon sein. Das ist mir jetzt aber peinlich. Meinst du, die anderen haben das auch gerochen? Vielen Dank, dass du mich darauf hingewiesen hast!»

Und schon ist die Welt ein bisschen geruchsneutraler und alle haben ihr Gesicht gewahrt.

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