Fenster zum Klo – Eine Hommage an die Klappe

Für die Ausstellung haben sogar die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) drei vollgekritzelte Klappentüren vom Breslauer Platz zur Verfügung gestellt, die erstmals seit der Schließung vor 20 Jahren wieder öffentlich sichtbar sind.

Lange Zeit prägten Klappen die schwule Subkultur entscheidend mit. Im Laufe der letzten Jahrzehnte stellte sich aber ein rasanter Wandel ein: Während ältere Generationen noch auf die klassischen Klappen gingen, hielt in den 1990ern das Internet Einzug. Digitales Cruising verdrängte zunehmend Cruising in der analogen Welt, und die einstigen Orte des Begegnens verschwanden immer mehr aus der androphilen Subkultur.

Ab Freitag zelebriert das Schwule Museum* die legendäre Klappe mit der Ausstellung „Fenster zum Klo“. Seit einigen Jahren arbeitet der französische Fotograf Marc Martin in Paris und Berlin zur Geschichte der Pissoirs und dem, was sie erlebt haben.

Fenster zum Klo
FENSTER ZUM KLO © Marc Martin 2017

Freiheit zum Abenteuer

In diesen kostbaren Büdchen konnten sich unbeargwöhnt flüchtige oder intensive Beziehungen und Freundschaften entspinnen. Gewiss haben die dabei gefundenen Abwege ihre Spuren eher in den Protokollen der Sittenpolizei als in der Literatur hinterlassen. Die homosexuelle Community schämt sich ihrer wohl eher, als dass sie stolz auf sie wäre. Und dennoch bedeuteten diese Gebäude für zahlreiche Schwule, Transvestiten, Stricher und Sittenstrolche auch die Freiheit zum Abenteuer.

Fenster zum Klo
Parkverbot. Schauplatz mit Glory Hole zwischen zwei Kabinen (c) Marc_Martin_2017 – FENSTER ZUM KLO

Diese Durchgangsorte erlaubten untypische Gemeinschaften, in denen die sozialen Klassen durcheinandergerieten und sich unterschiedliche Milieus vermischten, denn: Vorm Pissoir sind alle gleich. Hier konnten sich alle möglichen Männer mit verfehmten Wünschen näherkommen, sofern sie ihre Angst überwanden. Die Klappen haben Millionen Männern gute Dienste geleistet.

Fenster zum Klo
Berlin Schöneberg-1987 Bülow-Klappe-Bülowstraße- © foto W.RINK

In der Austellung spielt übrigens auch die BVG und die mittlerweile geschlossene öffentliche Toilette am Breslauer Platz in Berlin-Friedenau eine besondere Rolle. Für diese Toilette, die jahrzehntelang ein Cruising-Ort für Männer war, die Sex mit Männern hatten, hat der französische Kurator und Künstler Marc Martin von der BVG die Schlüssel bekommen, um dort zu fotografieren. Diese Fotos sind Teil der Ausstellung.

Fenster zum Klo
Prävention vor sexuell übertragbaren Krankheiten inmitten von sexuellen Graffiti auf einer Toilette – West-Berlin 1987- © foto W.RINK

Mehr noch: Die BVG hat als offizieller Partner des Projekts auch drei vollgekritzelte Klappentüren vom Breslauer Platz zur Verfügung gestellt, die jetzt erstmals seit Schließung dieser Klappe 1997 wieder öffentlich sichtbar sein werden – mit allen intimen Sex-Nachrichten. Eine solche Zusammenarbeit mit öffentlichen Institutionen wäre in Paris nicht möglich gewesen, schwärmt Fotograf Martin.

Marc Martin: Fenster zum Klo – Public Toilets & Private Affairs

bis Februar 2018 im Schwulen Museum* Berlin

Vernissage: 16. November 2017, 19:00 Uhr