«Gewöhnliche Menschen mit schrecklichen Ideen»

Mit einer versteckten Kamera und einer falschen Identität infiltrierte Patrik Hermansson im Auftrag einer NGO die sogenannte «Alt-Right» – die rechtsextreme Bewegung in Grossbritannien und den USA. Diese gelte es nicht zu unterschätzen, wie der 25-jährige Schwede via Skype der Mannschaft erzählt.

Patrik, seit wann setzt du dich gegen den Faschismus ein?
Schon lange. Zuerst als LGBT-Aktivist an Demonstrationen, danach habe ich mich immer mehr gegen die «Alt-Right» engagiert. Im Grunde genommen geht es dabei um das Gleiche – der Faschismus ist ein Teil der Alt-Right, die als Ganzes Intoleranz und Gewalt propagiert. Sie ist eine Bedrohung für die Gesellschaft, in der ich gerne leben möchte.

Wie bist du dazu gekommen, ein Jahr lang undercover zu gehen? 
Es war nicht meine Idee, sondern diejenige der Organisation «Hope Not Hate» in London. Nachdem ich für mein Masterstudium nach Grossbritannien gezogen war, wollte ich mich bei ihnen engagieren, da ich in Schweden bei ähnlichen Organisationen aktiv gewesen war. Der verdeckte Aktivismus ist ein Bestandteil ihrer Methodik.

Aus deinen Aufnahmen soll ein Film entstehen. Was willst du damit erreichen?
Vieles. Einerseits will ich zeigen, dass diese Menschen ernst zu nehmen sind und ihre Zahl wächst. Das habe ich alleine seit dem Amtsantritt von US-Präsident Trump gesehen. Er hat ihre Ideen salonfähig gemacht. Wir haben die Tendenz, solche Menschen als harmlos zu betrachten, als Witzfiguren. Obwohl nicht alle Nazis sind, haben sie doch ihre Ideen von ihnen geliehen.

Unterwegs mit versteckter Kamera: Patrik Hermansson dokumentierte sein Jahr bei der Alt-Right. Demnächst folgt ein Film darüber.

Andererseits will ich die gesellige Seite ihrer Veranstaltungen öffentlich machen. Ihnen treten Menschen bei, die sich von der Linken im Stich gelassen fühlen oder glauben, der Feminismus nehme ihnen ihre Rechte weg. Ein neuer Freundeskreis, gepaart mit einer Abneigung gegen die Massenmedien, ist eine gefährliche Mischung. Man schottet sich gegen aussen ab, wird extremer. Somit wird es sehr schwierig, sich wieder von diesen Gruppierungen zu lösen. Vor allem, wenn all deine Freunde dort sind.

Wie hast du dich auf dein Jahr undercover vor­bereitet?
Ich konzentrierte mich auf vereinzelte Gruppierungen, folgte ihren YouTube- und Twitter-­Kanälen und las die Texte und Magazine, die sie herausgeben. Ich habe viel recherchiert und wusste, was auf mich zukommen würde.

Erzähl mir von deinem Jahr undercover. Was hast du so gemacht?
Ganz Verschiedenes. Es ist nicht so, dass die Alt-Right sich nur im Rahmen von Konferenzen oder Märschen trifft. Wie gesagt sind diese Gruppierungen sehr gesellig. Oft gehen sie einfach zusammen Bier trinken oder veranstalten Grillabende. Solche Dinge. An diesen Treffen bauen sie das Vertrauen zueinander auf und besprechen ihre Pläne. Der gesellige Aspekt hat sich als weitaus gefährlicher herausgestellt, als ich anfänglich gedacht hatte.

Ich bräuchte ziemlich viel Überwindung, um mit Rechtsextremen ein Bier trinken zu gehen.
Das Gute war, dass ich mich von aussen langsam zum harten Kern heranarbeitete. Das gab mir die Möglichkeit, mich an die Atmosphäre dieser Treffen zu gewöhnen und meine Hintergrundgeschichte zu üben. Ich schaute darauf, was gesagt wurde, und passte mich dementsprechend an. Die Hintergrundgeschichte musste sitzen.

Und wie sah diese aus?
Mein Name war Erik. Ich war immer noch Schwede, aber studierte in einem anderen Masterprogramm an einer anderen Universität. Diese Identität musste natürlich mit Bildern und entsprechenden Profilen in den sozialen Medien belegt werden. Ich gab vor, an der UCL, der «University of London», zu studieren, war aber tatsächlich an der LSE, der «London School of Economics». Ich musste mir grosse Mühe geben, die Abkürzungen nicht zu verwechseln. Ich musste wissen, was ich zur Antwort geben würde, wenn man mich nach Seminaren oder Professoren fragte. Vieles davon habe ich vorbereitet, anders spontan erfunden. Natürlich gab ich mich auch als Heterosexueller aus.

Hast du den Kontakt zu deiner Familie und deinem Freundes­kreis abgebrochen?
Nein, ausser meinem Partner erzählte ich aber niemandem etwas davon. Daneben hatte ich meinen normalen Alltag und studierte für meinen Master. Mit der Alt-Right traf ich mich vielleicht zwei- oder dreimal in der Woche. Die Tatsache, dass ich mit meinem Partner darüber sprechen und mein wahres Leben weiterführen konnte, hielt mich bei gesundem Verstand. Es war wie ein Projekt, in dem ich mental nie völlig unterging.

«Die Tatsache, dass ich mit meinem Partner darüber sprechen konnte, hielt mich bei gesundem Verstand.»

Wie reagierte dein Partner darauf?
Er machte sich natürlich Sorgen um mich, und ich fühlte mich schlecht deswegen. Er unterstütze mich aber voll und ganz, da er wusste, dass ich es aus Überzeugung machte.

Gab es einen Moment, in dem man dich fast erwischt hätte?
Ja, aus Versehen habe ich mich einmal mit meinem richtigen Namen vorgestellt. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich wieder ihr Vertrauen gewonnen hatte. Mit langen Ausschweifungen versuchte ich mich zu erklären. Dabei kam mir gelegen, dass ich Ausländer bin. «In Schweden braucht man manchmal seinen zweiten Vornamen», sagte ich. Oder: «Meine Freunde nennen mich Erik.» Glücklicherweise ist es in diesen Kreisen gar nicht mal so abwegig, einen falschen Namen zu gebrauchen. Man wird zwar nicht als Infiltrator abgestempelt, aber als jemand, der nicht mit ihnen in Verbindung gebracht werden will.

Trotz Patzer bist du innerhalb eines Jahres zum harten Kern vorgedrungen. 
Es ging schnell, das stimmt. Glücklicherweise wird eine skandinavische Abstammung und Kultur von einigen in Grossbritannien fetischisiert, und so begegnete man mir mit weniger Skepsis. Sie vertrauten mir und boten mir innert kürzester Zeit an, im Rahmen einer Konferenz zu sprechen. Nachdem ich in London meine Legitimität aufgebaut hatte, reiste ich in die USA, um mein Experiment auf die Probe zu stellen.Auch dort wurde ich schnell aufgenommen, was zeigt, wie international und vernetzt diese Gruppierungen sind.

In den USA nahm Patrik Hermansson an Märschen der Alt-Right teil, unter anderem auch in Charlottesville, wo es im August zu einem Todesfall und mehreren Verletzten kam.

Was hat dich während diesem Jahr am meisten erschreckt?
Mein Aufenthalt in den USA. Nicht unbedingt die Ideen und Wertvorstellungen der dortigen Gruppierungen, sondern die Tatsache, dass sie bewaffnet sind. Die Meinungsfreiheit ist dort sehr ausgeprägt. Die Menschen, die ich dort an einem Grillabend traf, machten Witze über den Holocaust und bezeichneten sich offen als weisse Suprematisten. Und alle waren sie bewaffnet. Was macht man da? Man kann nicht einfach abhauen, wenn man das hört. Ich musste meine Ruhe bewahren. Im Haus hingen überall Nazi-­Andenken und ich war umgeben von Dutzenden bewaffneter Menschen. Das war fürchterlich – für amerikanische Verhältnisse vielleicht normal, nicht aber für mich.

Warum sind diese Menschen so überzeugt, dass die weisse Rasse überlegen ist?
Eine gute Frage. Mehrere Ansätze können hier eine Rolle spielen. Eine eher esoterische Auslegung geht davon aus, dass die weisse Rasse nicht vom Menschen in Afrika, sondern von Göttern in Skandinavien abstammt. Indem sie sich von anderen Ethnien abgrenzen, können weisse Suprematisten ihre Andersartigkeit beanspruchen. Und diese gilt es in ihren Augen zu wahren. Daher wird auch die Einwanderung als Bedrohung für die westliche Kultur angesehen. Für sie sind Rasse und Kultur eng miteinander verbunden. Solche Menschen scheuen rationale Erklärungen und verfälschen oder missinterpretierten Statistiken, um ihre Ansichten zu begründen. Zum Beispiel erklären sie die Überlegenheit der Weissen damit, dass schwarze US-Amerikaner krimineller sind, was statistisch gesehen zwar stimmt, aber natürlich strukturelle Gründe als Ursache hat.

Wie hat die Alt-Right reagiert, als du mit deiner Aktion an die Öffentlichkeit getreten bist?
Ich bekomme ein paar Drohungen online oder sie schreiben der Organisation böse Briefe. Nichts allzu Schlimmes.

Hermannson filmt im Rahmen des rechtsextremen «London Forums» den Neonazi Stead Steadman, der als bekennender Skandinavienfan gerne aus Tierhörnern trinkt.

Der US-Amerikaner Milo Yiannopoulos gilt als prominente Figur innerhalb der Alt-Right-Bewegung. Wie kann ein offen Schwuler derartige Erfolge in diesen Kreisen feiern?
Zuerst muss man verstehen, dass es ein breites Spektrum von verschiedenen Bewegungen gibt. Die Alt-Right setzt sich mit der Rasse auseinander, die sogenannte «Alt-Light» mit der Idee, dass Kultur lernbar ist. Yiannopoulos gehört zur Alt-Light, die sexuellen Minderheiten ein paar wenige Rechte zugesteht. Diese Rechte sind jedoch auf homosexuelle Männer begrenzt. Genderaspekte, Lesben und Transmenschen werden ausgeschlossen. Die Alt-Light akzeptiert Schwulsein, solange man den traditionellen männlichen Rollenbildern folgt. Mit dieser Rhetorik verteidigen sie ihren Hass gegenüber dem Islam: «Die arabische Welt hasst Schwule, also müssen wir gegen den Islam sein.»

Hast du Yiannopoulos getroffen?
Nein. Die Menschen, die ich erlebt habe, mögen Milo oder Breitbart nicht. Die sind ihnen zu weich. In den Kreisen, in denen ich verkehrt habe, ist Homophobie fest verankert, Homosexualität inakzeptabel. Der Diskurs ist auf den Alphamann gerichtet, von ihm soll die Welt in ihren Augen geführt werden. «Wir erleben den Zerfall der Gesellschaft, weil Frauen und schwule Männer an der Macht sind.»

Allerdings muss an dieser Stelle gesagt werden, dass es eine Gratwanderung ist zwischen der Verherrlichung des Alphamannes und der Homoerotik. Die männliche Form, der vor Testosteron strotzende Mannskörper mit seiner Virilität und physischen Erscheinung – die fahren voll drauf ab. Da fragt man sich manchmal schon.

Gibt es in diesen Kreisen ungeoutete Schwule?
Davon bin ich überzeugt, obwohl mir niemand konkret in den Sinn kommt. Von einigen Rednern weiss man beispielsweise, dass sie als Studenten an ihrer Universität LGBT-Aktivismus betrieben. Das ist natürlich ein bisschen traurig.

Wir haben es also nicht nur mit dem heterosexuellen weissen Mann zu tun.
Genau. Zu jenen Kreisen zählen auch schwule Männer sowie Frauen – Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen. Diese Bewegungen lassen sich weder geo- noch demografisch festlegen. Es sind gewöhnliche Menschen mit schrecklichen Ideen.