«Habe ich eine schwule Stimme?!»

Der New Yorker Journalist und Filmemacher David Thorpe wollte es wissen: Warum klingen manche Stimmen «schwul»? Im Dokumentarfilm «Do I Sound Gay?» geht er diesem Phänomen auf den Grund. Die Mannschaft unterhielt sich mit dem 48-Jährigen.

David, wie kamst du darauf, diesen Film zu machen?
Lustigerweise hatte ich das Gefühl, den Film drehen zu müssen! Ich wollte verstehen, woher mein Unbehagen gegenüber meiner eigenen Stimme rührte. Schon ziemlich bald merkte ich, dass auch viele andere schwule Männer mit ihrer Stimme hadern. Da wurde mir klar, dass hinter diesem Thema eine noch grössere Geschichte steht: Die Beschäftigung mit unserer Stimme ist eine Auseinandersetzung mit Homophobie und der eigenen Individualität.

«Als Junge wurde ich gemobbt, weil ich feminin wirkte. Meine Stimme war ein Teil dieser «Weiblichkeit.»

Im Film sagst du, dass dich deine Stimme und die Tatsache, dass sie «schwul» klingt, sehr störten. 
Als Junge wurde ich gemobbt, weil ich feminin wirkte. Meine Stimme war ein Teil dieser «Weiblichkeit». Ich fand das beschämend und dachte, es sei falsch, so zu sein. Manchmal ist es schwierig, diese angewöhnten Denkmuster loszuwerden – selbst nach dem Coming-out und trotz der Tatsache, dass man eine Gemeinschaft mit Gleichgesinnten gefunden hat. Manchen Menschen gelingt es sehr schnell, diese verinnerlichte Scham zu überwinden, andere benötigen dafür länger.

Im Film besuchst du verschiedene Stimmlehrer und führst Übungen durch, um eine «männlichere» Stimmfärbung zu erhalten. Ist das Leben deiner Meinung nach einfacher, wenn man «heterosexuell» klingt? 
Zu Beginn des Prozesses hatte ich tatsächlich die Illusion, dass alles einfacher wäre, wenn meine Stimme einen stereo­typisch heterosexuellen Klang hätte. Ich dachte, ich würde leichter einen Freund finden und könnte ganz allgemein unbeschwerter durchs Leben gehen. Seien wir ehrlich, Maskulinität kommt an. Unsere Gesellschaft wertet «Männlichkeit» noch immer sehr hoch, und ich war zu sehr in der Oberflächlichkeit dieser Denkweise verhaftet. Den meisten von uns ergeht es so. Deshalb finde ich es wichtig, eine neue Perspektive zu gewinnen.

Filmemacher David Thorpe hat jahrelang unter seiner Stimme gelitten. (Foto: zvg)

Warum ist diese «Männlichkeit» – gerade auch innerhalb der Community – so geschätzt, attraktiv und erstrebenswert?
Ich denke, dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen ist es nun mal so, dass wir oftmals eine natürliche Anziehung zu männlichen Typen verspüren. Zum anderen leben wir noch immer in einer patriarchalisch geprägten und sexistischen Kultur, ohne wirkliche Gleichheit zwischen den Geschlechtern. Weiblichkeit wird als etwas Schlechtes und Schwaches angesehen. Insofern ist es für viele unverständlich, wenn Männer «weibliche» Attribute aufweisen und ihre feminine Seite zeigen und ausleben – gerade auch vor dem Hintergrund, dass weibliches Verhalten nach wie vor Anlass für Diskriminierung und Mobbing sein kann. Wir müssen eine gesunde Beziehung zu unserer eigenen Person entwickeln und uns von der Vorstellung verabschieden, dass es sich bei den Geschlechterkategorien um eine allgemeingültige Wahrheit handelt. Es darf nicht geschehen, dass überkommene, tradierte Wertesysteme unsere Persönlichkeit verdecken.

Welche Eigenschaften weist eine sogenannte «schwule» Stimme auf?
Typischerweise wird ein Mann dann als schwul angesehen, wenn er auf eine Art und Weise spricht, die uns weiblich erscheint. So zum Beispiel, wenn seine Stimme hoch und weich, seine Aussprache sehr präzis und genau ist. Ausserdem werden Singsangstimmen und langgezogene Vokale als «schwul» eingestuft. Des Weiteren gilt es als feminin, wenn die Stimme am Ende des Satzes nach oben geht. Das wirkt fragend und unsicher, was mit Weiblichkeit verbunden wird.

Warum klingen manche Männer «schwul», andere nicht?
Mit absoluter Sicherheit weiss man das nicht, im Film gehe ich aber einigen Theorien näher auf den Grund. Eine grosse Rolle spielt definitiv die Art und Weise, wie wir uns unsere Sprache als Kinder aneignen. Wie sah das Umfeld aus, in dem wir aufwuchsen? Von welchen Leuten waren wir umgeben, welche Stimmen hörten wir, als wir sprechen lernten? Und auch als Erwachsene werden wir von unserem Freundes- und Bekanntenkreis beeinflusst. Es kann sein, dass wir unsere Sprechart anpassen, je nachdem, in welcher Gesellschaft wir uns gerade befinden. Dieses Phänomen bezeichnen wir als «Code Switching».

«Do I Sound Gay?» – Der Dokumentarfilm von David Thorpe war 2015 an diversen Filmfestivals weltweit zu sehen.

Siehst du auch allfällige Vorteile einer «schwulen» Stimme?
Ich erkannte die positiven Aspekte erst, als ich mit den Dreharbeiten begann. Einer der Männer, mit denen ich im Film spreche, bringt es auf den Punkt. Er sagt, er brauche nur seinen Mund zu öffnen «und der Fall ist klar». Damit meint er, dass ihn seine Stimme von Beginn weg oute. Dadurch ist er von Anfang an offener und freier im Umgang mit anderen Menschen. Eine «schwule» Stimme kann demnach auch ein Ausdruck dafür sein, dass man mit sich selbst im Reinen und zufrieden ist und sich wohlfühlt in seiner Haut. Manche Leute – und ich zähle mich auch zu diesen – bewundern Männer, die eben gerade nicht «Code switchen», ihre Stimme also nicht den jeweiligen Gegebenheiten anpassen. Egal, ob sie nun in einer Bar mit lauter hetero­sexuellen Sportfans sitzen oder ob sie eine Drag Show besuchen, sie sprechen immer gleich. Es braucht Mut, stets sich selbst zu sein, unabhängig davon, wo und mit wem man sich gerade aufhält.

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse, die du dank dieses Filmprojekts gewonnen hast?
Dass es «die schwule Stimme» gar nicht gibt. Dieses Konzept ist ein Stereotyp, nichts weiter. Es wird angewandt für Männer, deren Stimmen weiblichere Züge aufweisen als andere Männerstimmen. Manche Heteromänner klingen «schwul», manche Schwule klingen «hetero­sexuell».

«Wir müssen verhindern, dass das Konzept der ‹schwulen Stimme› als Waffe gegen uns verwendet wird.»

Wir sollten unsere Stimmen gernhaben, ganz egal, wie sie klingen. Zudem müssen wir verhindern, dass das Konzept der «schwulen Stimme» als Waffe gegen uns verwendet wird. Wir dürfen uns davon nicht provozieren und in unserer Lebensart beeinflussen lassen. Ich will das Stereotyp zum einen aufbrechen, zum anderen zelebrieren. Aufbrechen, wenn es dazu dient, schwule Männer herabzuwürdigen. Zelebrieren, wenn es für einen feierlichen Ausdruck unserer Persönlichkeit steht.

Und was nimmst du für dich persönlich mit?
Ich war mir nicht bewusst, wie sehr ich mich noch immer dafür schämte, schwul zu sein. Die Auseinandersetzung mit meiner Stimme und meinem Unwohlsein mit ihr zeigte mir auf, dass ich mich zurückentwickelt hatte seit meinen jüngeren Jahren, in denen ich mich besser und stärker fühlte und mehr Selbstvertrauen hatte. Der Film half mir, mich selbst wieder zu schätzen und meine Stimme als etwas zu akzeptieren, das zu mir gehört.

Queeres Staraufgebot: Im Film lässt David Thorpe Komikerin Margaret Cho, Stilexperte Tim Gunn und Schauspieler George Takel zu Wort kommen. (Foto: zvg)

Was würdest du einem Mann antworten, der zu dir kommt und sagt: «Ich hasse es, wie schwul meine Stimme klingt. Ich will etwas dagegen unternehmen!»
Ich würde sicher anders antworten als vor dem Film. Zuerst einmal ist zu sagen, dass jede Person grundsätzlich genau das machen soll, was sie braucht, um sich wohl mit sich selbst zu fühlen. Manche betreiben Sport, andere nicht, jeder Mensch trägt unterschiedliche Klamotten und Frisuren. Trotzdem würde ich diesem Mann raten, er solle doch versuchen, seine Stimme lieben zu lernen. Er sollte mit seinen Freunden und seiner Familie darüber reden und schauen, was sie dazu sagen. Es hilft, über solche Dinge zu sprechen, denn so können die eigenen Vorurteile abgebaut werden. Wenn die eigene Stimme für die betroffene Person aber wirklich eine grosse Belastung ist oder bleibt, dann würde ich nicht versuchen, sie von einem Stimmtraining abzuhalten. Bei einem solchen muss es gar nicht unbedingt darum gehen, die eigene Sprechart zu verändern – es kann aber helfen, ein neues, gesundes Verhältnis zur Stimme aufzubauen.

Der Dokumentarfilm «Do I Sound Gay?» von David Thorpe ist zum Kauf oder zur Ausleihe über doisoundgay.com erhältlich.