Puffins, Pints & Ponys

Neugierige Shetlandponys begegnet man vor allem im nördlichen Teil des Archipels. (Foto: Andreas Gurtner)
Spektakuläre Landschaften, steile Klippen und schneeweisse Sandstrände – die raue Schönheit der Shetlandinseln im Norden Schottlands zieht jeden Besucher in ihren Bann.

Die Shetlands liegen noch immer fernab der Touristenströme, wozu die verhältnismässig umständliche Anreise sicherlich einen Beitrag leistet. So gibt es von London aus beispielsweise keine direkten Flüge in die abgelegene Inselwelt an der Nordspitze der Britischen Inseln. Als eigentliches Tor zu den Shetlands gilt die Stadt Aberdeen in Schottland. Von hier aus gelangt man entweder per Propellerflugzeug oder Fähre nach Lerwick, der Hauptstadt der Shetlands.

Da das Meer und das raue Klima den Alltag im hohen Norden bestimmen, kann es immer vorkommen, dass aufgrund von Stürmen oder wegen Nebels Flüge und Fährverbindungen kurzfristig ausfallen. Wem bereits die Vorstellung, rund zwölf Stunden bei stürmischer See auf einer schaukelnden Fähre verbringen zu müssen, ein mulmiges Gefühl im Magen verursacht, dem ist auf jeden Fall die weitaus schnellere Verbindung mit dem Flugzeug zu empfehlen. Einmal angekommen, lohnt es sich, einen Miet­wagen als Fortbewegungsmittel zu wählen, da die weitläufigen und aus über hundert Inseln bestehenden Shetlands mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schlecht erschlossen sind.

Leuchtturm der Papageientaucher
Vom Flughafen aus dauert es keine zehn Minuten, bis die erste Sehenswürdigkeit der Shetlands erreicht ist: Sumburgh Head. Hier, am südlichsten Punkt des Archipels, thront ein Leuchtturm hoch über dem tosenden Ozean. Eine kurze Wanderung führt vom Parkplatz zur höchsten Erhebung des Hügels, von wo aus sich spektakuläre Blicke über die abfallende Küste bieten. Die Steilklippen rund um den Leuchtturm sind ein wichtiger Brutplatz für Meeresvögel aller Art. Vor allem in den Sommermonaten wimmelt es hier von brütenden, kreischenden, fliegenden und tauchenden Luftakrobaten. Die wohl bekannteste Spezies, die hier zu finden ist, ist der Papageientaucher – auch Puffin genannt.

Papageientaucher – auch Puffins genannt – brüten vom Mai bis Juli auf den Klippen des Sumburgh Head. (Foto: Andreas Gurtner)

 

Die Vögel, die wie eine Kreuzung aus Pinguinen und Papageien aussehen, brüten von Mai bis Juli in grosser Anzahl in den Erdhöhlen und auf den Klippen des Sumburgh Head. Den Rest des Jahres verbringen die faszinierenden Flugkünstler auf offener See, wo sie im wilden Nordatlantik nach Fischen suchen, bevor sie im darauffolgenden Jahr zum Leuchtturm an der Südspitze der Shetlands zurückkehren. Als Besucher kann man die Puffins von den um den Leuchtturm führenden Pfaden ausgezeichnet beobachten und es scheint, als würden sich diese beim Brüten durch nichts und niemanden aus der Ruhe bringen lassen.

Traumstrände und eiskalte Fluten
Folgt man nun der gut ausgebauten Landstrasse durch torfige Hügellandschaften nach Norden, gelangt man nach wenigen Kilometern zum pittoresken Strand von St. Ninians. Das Besondere an diesem schneeweissen Dünenstreifen ist, dass er die vorgelagerte St. Ninians Isle und die Hauptinsel der Shetlands wie eine natürliche Brücke miteinander verbindet. Selbst bei Flut gelangt man trockenen Fusses zum gegenüberliegenden Ufer, das rund 500 Meter entfernt ist. Auf der St. Ninians Isle angekommen, führen Wanderwege zu archäologischen Stätten und schönen Aussichtspunkten.

Ein schneeweisser Dünenstreifen verbindet die St. Ninians Isle mit der Hauptinsel der Shetlands. (Foto: Andreas Gurtner)

Auch wenn der Strand und das glasklare Meer rein optisch gesehen zum Badespass einladen, halten Wassertemperaturen von maximal vierzehn Grad selbst im Hochsommer die meisten Sonnen­anbeter von diesem Vorhaben ab. Dafür kann man die meist menschen­leere Idylle geniessen und mit etwas Glück flinke Seelöwen beobachten, die in den flachen Gewässern in unmittelbarer Nähe zum Strand nach Nahrung suchen. Etwas weiter nördlich lohnt sich ein Abstecher nach Scalloway, der einstigen Hauptstadt der Shetland­inseln. Die bekannteste Sehenswürdigkeit dieses verschlafenen Städtchens ist die Ruine des gleichnamigen Castles, das um 1600 erbaut wurde und als typisches Beispiel schottischer Befestigungsanlagen gilt. Von den oberen Stockwerken des Schlosses, das frei zugänglich ist, lässt sich eine schöne Aussicht über die weitläufige Bucht geniessen.

Skandinavische Gemütlichkeit
Lerwick, seit 1708 die Hauptstadt der Shetlandinseln, kommt einem auf den ersten Blick nicht sonderlich schottisch vor. Dies mag einerseits an den engen Gassen der Altstadt und der Lage am Meer liegen. Andererseits pflegte die offene Stadt bereits seit dem 17. Jahrhundert enge wirtschaftliche Beziehungen mit Skandinavien und den Niederlanden, weshalb hier kulturelle Einflüsse aus anderen Teilen Europas bis heute spürbar sind. Im 19. Jahrhundert brachte die Heringsfischerei grossen Wohlstand in die Stadt, was den Bau vieler neuer herrschaftlicher Häuser auslöste. Nachdem in den Siebzigerjahren erste Ölfelder in der Nordsee erschlossen wurden, brach in Lerwick ein regelrechter Ölboom aus.

Gay Life

In Schottland waren homosexuelle Handlungen bis 1980 offiziell verboten. Seither hat sich die Situation für Schwule und Lesben jedoch massiv zum Besseren gewendet. So konnte die Schwulenbewegung nach der Jahrhundertwende gleich mehrere grosse Erfolge feiern: 2001 wurde das Schutzalter für gleichgeschlechtlichen Sex dem für heterosexuellen angeglichen und auf sechzehn Jahre gesenkt. Zudem wurde 2010 ein Antidiskriminierungsgesetzt eingeführt, das die Rechte von Schwulen und Lesben explizit schützt. Heute wird Homosexualität in der schottischen Gesellschaft weitgehend akzeptiert. Eingetragene Partnerschaften, die alle Rechten und Pflichten der klassischen Ehe umfassen, sind seit 2005 möglich. Im Jahr 2009 wurde zudem die Kinderadaption durch gleichgeschlechtliche Paare legalisiert. Am 12. März 2014 wurde die Ehe für homosexuelle Paare geöffnet, nachdem das schottische Parlament den entsprechenden Gesetzesentwurf zuvor verabschiedet hatte. Die Menschen auf den Shetlands sind mehrheitlich liberal eingestellt und stehen Schwulen und Lesben positiv gegenüber. Aufgrund der abgelegenen Lage und geringen Bevölkerungszahl gibt es auf den Inseln jedoch keine ausgeprägte Gay Community. Über soziale Netzwerke lassen sich aber selbst hier im hohen Norden schnell neue Kontakte knüpfen.

Auf einen Blick

Anreise: British Airways fliegt ab der Schweiz und ab Deutschland via London und Aberdeen auf die Shetlands (ab CHF 530 / EUR 450) – ba.com

Beste Reisezeit: Während des Sommers von Mai bis August. Dann ist einerseits Brutsaison, andererseits kann man von den langen Tagen profitieren. Reisende müssen sich jederzeit auf nasses und kühleres Wetter gefasst machen.

Sprache: Die offizielle Landessprache ist Englisch.

Einreise: Schweizer und EU-Bürger benötigen für die Einreise eine gültige Identitätskarte oder einen Personalausweis.

Sicherheit: Die Shetlands gelten als sehr sicheres Reiseziel.

Weitere Informationenshetland.org

Die Stadt erhielt einen modernen Hafen, neue Schulen und ausgezeichnete Strassen. In der Folge zogen viele arbeitssuchende Zuwanderer aus Schottland und England hierher, was zu einem weiteren Wachstum der Stadt führte. Heute herrscht in Lerwick sowie in ganz Shetland nahezu Vollbeschäftigung. Arbeit finden die Menschen beispielsweise in Europas grösstem Ölterminal nördlich der Stadt. Auch wenn heute noch neue Gasfelder erschlossen werden, neigen sich die vorhandenen Ölvorkommen langsam, aber sicher ihrem Ende zu.

Lerwick, die Hauptstadt der Shetlandinseln, ist dank Erdölboom und Fischfang eine wohlhabende Stadt. (Foto: Andreas Gurtner)

Lerwick hat trotz seiner überschaubaren Grösse einiges zu bieten. Tagsüber flanieren die Leute in den verwinkelten Gassen der Altstadt und treffen sich in einem der zahlreichen Cafés. Abends herrscht in den Restaurants viel Betrieb, bevor die Leute auf ein (oder mehrere) Pint Bier in die Pubs weiterziehen. Lerwick ist übrigens auch ein guter Ausgangspunkt für diverse interessante Tagesausflüge: Nicht versäumen sollte man beispielsweise eine Bootsfahrt zur Robbenkolonie auf Green Holm sowie zur unter Schutz gestellten Vogelinsel Noss.

Vom Schiff aus lassen sich insbesondere in den wärmeren Sommermonaten hunderttausende Meeresvögel in kaum fünf Metern Entfernung in den steilen Klippen beobachten. Aufschlussreich ist auch ein Besuch des  Broch von Clickhimin. Die Überreste dieses rund 2 000 Jahre alten Steinbaus befinden sich auf einer Insel in einem ruhigen Vorort von Lerwick. In dem ursprünglich rund fünfzehn Meter hohen Rundhaus lebten während der Eisen- und Bronzezeit ganze Familienclans über mehrere Stockwerke verteilt auf engstem Raum.

Vogelgeschrei und zischende See
Fährt man von Lerwick aus weiter in den Norden, trifft man nur noch selten auf bewohnte Gebiete. Stattdessen prägen weite Ebenen, steil ins Meer abfallende Klippen, ab und zu eine Schafherde oder ein paar Shetlandponys das Bild. Nach rund fünfzig Kilometern wartet auf der Insel Muckle Roe, die durch eine schmale Brücke mit der Hauptinsel verbunden ist, ein malerischer Küstenabschnitt darauf, entdeckt zu werden. Eine Wanderung führt zunächst zu abgelegenen Sandstränden, bevor der Pfad immer steiler wird und faszinierende Blicke auf fast senkrecht abfallende Felswände, vorgelagerte Inselchen und den rauen Ozean bietet. Weiter nördlich darf ein Abstecher zum Leuchtturm von Eshaness keinesfalls fehlen. Dieser thront hoch über einem der wohl dramatischsten Abgründe der Shetlands, wo die kraftvolle Brandung des Nordatlantiks mit voller Wucht auf die rund sechzig Meter hohen Klippen trifft.

Wilde Natur: Bei Eshaness trifft die kraftvolle Brandung des Nordatlantiks mit voller Wucht auf die Klippen. (Foto: Andreas Gurtner)

Es ist wahrlich ein einmaliges Naturschauspiel, die brausende und zischende See aus sicherer Distanz zu beobachten. Noch weiter im Norden gelangt man per Fähre auf die Inseln Yell und Unst. Yell ist mit knapp 1 000 Einwohnern die zweitgrösste Insel der Shetlands. Naturliebhaber haben auf dieser Insel gute Chancen, einem oder auch gleich mehreren Fischottern zu begegnen, denn nirgendwo sonst in Grossbritannien soll die Dichte an diesen putzigen Tierchen höher sein als hier. Daher nennt sich Yell inoffiziell auch «Otter Capital of Britain».

Vom Scalloway Castle, das um 1600 erbaut wurde, ist heute nur noch eine Ruine übrig. (Foto: Andreas Gurtner)

Auf Unst, der nördlichsten bewohnten Insel des Vereinigten Königreichs, lassen sich die nördlichste Kirche, der nördlichsten Leuchtturm, das nördlichste Postamt und auch sonst alles Nördlichste von Schottland besichtigen. Besonders empfehlenswert ist insbesondere die Wanderung zum nördlichsten Punkt des Eilandes, welcher im Hermaness National Nature Reserve liegt. Der Weg führt durch ursprüngliche Moorlandschaften und an steilen Klippen entlang, wobei man unterwegs die unzähligen Möwen, Papageientaucher und andere Seevögel beobachten kann, wie sie sich in der Hoffnung auf den grossen Fang in die aufgewühlten Wellen stürzen. Wo, wenn nicht hier, kann man das raue Klima der Shetlands besser auf sich wirken lassen und für ein paar Stunden in die atemberaubende Natur eintauchen.