Das erste Mal tut nicht weh

Der Erfahrungsbericht eines Que(e)reinsteigers.
«Was? Du warst noch nie auf einer Schwulenparty? Ist das dein Ernst?» So oder ähnlich reagieren die meisten, wenn ich mich oute. Kommen wir zu meinem ganz persönlichen Erklärungsversuch, der in einem spannenden Experiment mündet.

Mit 27 Jahren habe ich mein «straightes» Leben hinter mir gelassen und eine kurvige Abzweigung in Richtung gleichgeschlechtliche Liebe genommen. Dabei handelte es sich um eine bewusste Entscheidung, ohne grosse Ängste, wie mein Umfeld reagieren könnte. In meiner Vergangenheit habe ich Frauen gedatet, bin ihnen körperlich nähergekommen und habe mich auch in die eine oder andere verliebt. Diese Erfahrungen gehören genauso zu mir wie der Name an meinem Klingelschild oder das Muttermal auf meinem rechten Arm. Ich möchte nichts davon missen, denn ich hatte auch nie das Gefühl, als müsse ich mich vor irgendetwas oder irgendwem verstecken. Allerdings war da ein Stück Neugier, etwas auszuprobieren, das über die herkömmliche Persönlichkeitsentwicklung hinausgeht: Ich wollte einen Mann treffen.

Der Vorteil an einem späten Coming-out ist, dass man vieles noch einmal erleben darf: den ersten Kuss, den ersten Sex, die erste Beziehung, die erste Trennung und auch den ersten Liebeskummer. Aber alles mit ein wenig mehr Reife im Gepäck. Was in meiner Aufzählung jedoch stets fehlte, war das erste schwule Weggehen.

Am Berliner Szeneleben vorbeigelebt
Vor drei Jahrzehnten erblickte ich in Berlin das Licht der Welt. Ich habe meine Heimat nie als etwas Besonderes wahrgenommen. Jedenfalls nicht im Sinne eines langersehnten Zufluchtsorts, der die Möglichkeit von Akzeptanz und Selbstverwirklichung versprach. Das aber scheint für viele einer der Hauptbeweggründe zu sein, in die deutsche Hauptstadt überzusiedeln. Geschichten, wie junge Kerle im Nachtleben der Stadt gestrandet, unter- oder völlig aufgegangen sind, häuften sich, je mehr ich mich mit anderen unterhielt.

Meine ersten Ausgehversuche unternahm ich im Alter von 16 bis 20 an der Seite meines fast rein heterosexuellen Freundeskreises. Wir waren in Bars und Clubs unterwegs, in denen Rock, Alternative und Indie gespielt wurde. Ich war einer dieser hageren Typen, die man regelmässig vor oder im legendären Magnet – einem, nein, vermutlich dem damaligen Berliner Indieclub überhaupt – antraf. Später wurde ich dann selbst zum DJ und entwickelte ein immer klareres Bild davon, welche Musik meine Hüften zum Kreisen bringen durfte. Pop und House gehörten definitiv nicht dazu. Diese Genres vermutete ich aber in den Sets meiner Kollegen, die Venues wie das SchwuZ oder die Busche, typische Berliner Schwulenclubs, bespielten. Weitere stereotype Ideen, die bezüglich Gaypartys durch meinen Verstand geisterten: massenhaft Transvestiten, die gern zum Mikro oder an die Hintern des Publikums greifen, Darkrooms, hedonistische Drogenräusche, affektierte Party­hopper und eine nicht enden wollende Fleisch­beschau, die einzig und allein einem Zweck diente: Am Ende des Abends irgendjemanden mit nach Hause nehmen zu können.

«Der Vorteil an einem späten Coming-out ist, dass man vieles noch einmal erleben darf: Den ersten Kuss, den ersten Sex, die erste Beziehung, die erste Trennung und auch den ersten Liebeskummer. Aber alles mit ein wenig mehr Reife im Gepäck.»

Als Redakteur Greg mir dann erklärte, dass er früher vor allem zu solchen Veranstaltungen gegangen war, um überhaupt gleichgesinnte Männer kennen lernen zu können, geriet ich ins Grübeln. Im Zeitalter der Datingsapps hatte ich nie auf diese Alternative zurückgreifen müssen. War es doch viel einfacher, jemanden nach einem kurzen Chat in einer gemütlichen Bar zu treffen, als sich in ein Getümmel stürzen zu müssen, das von Gloria Gaynors «I Will Survive» beschallt wurde. Mir fehlte es einfach gänzlich an Berührungspunkten mit diesem schillernden Paralleluniversum, von dem ich zwar viel gehört, das ich aber nie selbst aufgesucht hatte. In meinen Gedanken hatte sich ein fiktives Bild verfestigt, das vermutlich wenig mit der Realität zu tun hatte und einzig von klischeehaften Darstellungen in Filmen oder anderen Medien lebte. Und so drängte sich irgendwann die einzig logische Konsequenz auf. Ich musste eine Schwulenparty besuchen!

Was ziehe ich bloss an?
Heute ist es so weit. In einigen Stunden werde ich mich auf den Weg in das legendäre Berliner SchwuZ machen. Zwar bin ich dort als Musikredakteur schon häufiger auf Konzerten gewesen, allerdings nie als Gast auf einer für den Club typischen Partys. Das SchwuZ schien mir ein guter Kompromiss zu sein, präsentiert es sich doch als ein recht offener Begegnungsort, der keine allzu harte Tür hat und von einer bewegten Historie lebt. Was die Wahl der passenden Veranstaltung betraf, wurde es allerdings schwieriger. Die einzige Party, die mit der von mir favorisierten Indie-Musik warb, war eingestellt worden, weshalb ich mich kurzerhand entschied, mir stattdessen die volle Dröhnung zu geben: «Madonnamania – die Ikonenparty».

Martin wirft sich in das Getümmel des legendären SchwuZ in Berlin.

Wie ein aufgeregter Teenie stehe ich nun vor meinem Kleiderschrank und überlege, was ich anziehen soll. Nicht zu sexy, nicht zu verklemmt darf es sein. Nicht zu klassisch, nicht zu auffällig. Ich komme mir vor, als wäre ich noch nie ausgegangen. Nach einem Entspannungsbad, einer Rasur und dem Versuch, ein paar Nasenhaare zu entfernen, quetsche ich mich in meine graue Röhre, werfe ein schwarzes T-Shirt über und schlüpfe in meine Lederboots. Ein ganz normaler Look also, den ich genauso auch als DJ hinter dem Mischpult tragen würde. Um mich auf den Abend einzustimmen, geht es mit einer Flasche Wein in der Hand zu einer langjährigen Freundin und meinem Exfreund.

Die beiden lächeln mich verschmitzt an, als ich erzähle, was ich vorhabe. Sie kennen mich und meine Spleens und wundern sich über gar nichts mehr. Nachdem ein paar Gläschen geleert sind, stürzen wir in Richtung U-Bahn, um dort einen Kumpel und dessen Freund zu treffen, die gerade aus Düsseldorf zu Besuch sind und mich bei meinem Experiment begleiten. Mein Ex hingegen fährt nach Hause und meine Freundin geht irgendwo auf dem Weg zum SchwuZ verloren.

«Hey Mister DJ, put a record on, I wanna dance with my baby» 
Obwohl es der Name der Party bereits vermuten liess, muss ich schmunzeln, als ich merke, dass auf einem der drei Floors des SchwuZ ausschliesslich Madonna läuft. Während ich mich umschaue, entdecke ich einige vertraute Gesichter. Bekannte, ehemalige Dates oder Typen, die mir zuvor auf virtuellen Plattformen aufgefallen sind, streifen meinen Weg. Die Atmosphäre ist aufgeheizt und der Schweiss rinnt. Meine Begleiter suchen nach einem luftigen Plätzchen, während ich die Wärme mit einem Besuch an der Bar zu bekämpfen versuche. Wenig später muss ich auf die Toilette. Statt wilder Orgien und gierig gaffender Pinkelpartner erwartet mich dort eine sich drängende, bunt gemischte Unisexmasse. Schnell husche ich in eine freie Kabine, während Charthits von den Fliesen widerhallen.

Mein Gott, was hatte ich denn erwartet? Langsam bin ich von meiner eigenen Engstirnigkeit genervt. Ich beschliesse, mich von jetzt an kompromisslos treiben zu lassen. Zurück ins Geschehen. Neben mir räkeln sich halbnackte Jungs, und ein paar Dragqueens führen ihr Tanzballett auf. Ob es am Alkohol oder an der Tatsache liegen mag, dass das Publikum sehr entspannt wirkt – je mehr Zeit verstreicht, umso mehr gewöhne ich mich an die «neue Umgebung». Sämtliche Befürchtungen, die mir vor ein paar Stunden noch durch den Kopf schwirrten, ziehen langsam von dannen.

Kein Rumgestosse, kein böses Ankeifen
«Martin, du wirst definitiv angegraben werden. Du bist ja quasi Frischfleisch», hatte mir vor Wochen ein Kumpel prophezeit. Zwar ernte ich hier und da ein paar Blicke, doch verstehe ich diese getrost als Kompliment. So kann ich mir vorgaukeln, ich sähe nicht allzu schlecht aus und sei auch nach Überschreiten der magischen Dreissig noch immer interessant. Lustigerweise ist es besagter Freund, der mir jetzt beim Tanzen gegenübersteht, während das Düsseldorfer Pärchen sich aufgrund von Müdigkeit verabschiedet hat.

Wir bleiben weitere drei Stunden im SchwuZ. Irgendwann falle ich erschöpft auf eine Bank. Die Füsse tun weh, meine Arme sind schwer. Um mich herum dreht sich alles sanft. Plötzlich fallen mir zwei blinkende Schuhe ins Auge. Belustigt folgt meine Aufmerksamkeit den dazugehörigen Beinen bis hin zu einem fröhlichen Gesicht. Breit lächelnd strahlt mir ein Südamerikaner entgegen. Ich glätte das Runzeln auf meiner Stirn und zwinkere zurück. Erstaunlich, wie freundlich der Umgang unter den Partybesuchern ist. Kein Rumgestosse, kein böses Ankeifen, sondern Akzeptanz und Toleranz auf ganzer Linie. Als jemand, der Menschen mag, sie gern beobachtet und schnell mit ihnen in Kontakt kommt – hier sei kurz erwähnt, dass ich Psychologie studiert habe – begeistert mich diese Atmosphäre. Ich denke an meine DJ-Karriere zurück.

«Neben mir räkeln sich halbnackte Jungs, und ein paar Dragqueens führen ihr Tanzballett auf.»

Wie oft habe ich mich über das verbissene, steife Publikum vor dem DJ-Pult geärgert? Mich beschleicht das Gefühl, als würden hier und in diesem Moment andere Dinge zählen als das richtige Auftreten und vermeintliche Coolness. Jede_r macht einfach, was er_sie will. Dass diese kurze Erkenntnis nicht ganz der Wahrheit entspricht, wird mir klar, als eine Truppe androgyner Jungs an mir vorbeizieht und über die falsche Outfitwahl einer gemeinsamen Bekanntschaft lästert.

Um fünf Uhr morgens verlasse ich das SchwuZ. Draussen ist es herbstlich frisch und ich hole tief Luft. Was für ein Abend!

Als ich am nächsten Morgen in meinem Bett aufwache, greife ich zu meinem Smartphone und schreibe meinen fünf besten Freunden: «Ich habs überlebt! Wir sollten das echt mal zusammen machen.» Obwohl sie alle heterosexuell sind, ist mir bewusst, dass ich bis gestern derjenige unter uns war, der am wenigsten Ahnung vom «schwulen Feiern» hatte – da kommt man im weltoffenen Berlin eigentlich kaum drum herum. Ich drehe mich wieder ins Kissen und gelange zu dem Fazit, dass das erste Mal gar nicht wehgetan hat. Mal abgesehen von dem Brummen, das sich jetzt von meiner Schläfe bis zum Hinterkopf zieht.