Der einsame Nachbar

Bild: John Phillips, 2017 Getty Images
Sein Gesicht ist bekannt aus unzähligen Filmen. Richard Jenkins ist der Mann der Nebenrollen, so auch im neuen Kinofilm «The Shape of Water» von Regisseur Guillermo del Toro. Darin spielt Jenkins einen ungeouteten, in die Jahre gekommenen Nachbarn. Wir trafen den siebzigjährigen Schauspieler in London zum Gespräch.

Mr. Jenkins, in «The Shape of Water» spielen Sie einen schwulen Mann in den Sechzigerjahren. Wie stark haben Sie sich mit der damaligen Situation von Homosexuellen auseinandergesetzt?
Weniger als Sie sich vielleicht vorstellen. Der Schlüssel zu Giles Leben ist ja gerade, dass er seine Homosexualität eigentlich gar nicht auslebt. Oder nicht mehr. Womit ich mich auseinandersetzen musste, um ihn spielen zu können, war seine Einsamkeit. Dass er niemanden hat ausser seinen Katzen, seiner Nachbarin, den geliebten Musicals im Fernsehen und der Schwärmerei für den Besitzer des Kuchenladens. Er lebt im Grunde eine Lüge und hat Angst davor, sich selbst zu sein. Diese Emotionen waren es, mit denen ich mich auseinandergesetzt habe, nicht so sehr die historische Realität.

«Er lebt im Grunde eine Lüge und hat Angst davor, sich selbst zu sein.»

Giles bezeichnet sich selbst als Relikt …
Ja, er lebt in der Erinnerung, in den Gedanken an seine Jugend und an die Filme von früher. Wobei das nicht nur positive Erinnerungen sind, denn er bereut auch einiges. Könnte er seinem jüngeren Ich einen Ratschlag geben, wäre das: pflege deine Zähne besser und vögle mehr. Ein anderer Satz von ihm, den ich besonders aussagekräftig fand, war: «Ich bin entweder zu spät oder zu früh geboren worden.» Er scheint zu ahnen, dass zwanzig Jahre später die Situation für Schwule eine ganz andere sein wird.

Haben Sie mit Regisseur und Drehbuchautor Guillermo del Toro über Details von Giles’ Vergangenheit gesprochen?
Ein bisschen, aber gar nicht sonderlich viel. Wir haben eher allgemeiner über Giles gesprochen. Darüber, was er für ein Mann ist, wie es ihm geht und was ihn bewegt. Aber weniger über seinen Hintergrund. Denn was nicht im Drehbuch steht, ist für mich als Schauspieler eigentlich auch nicht so wichtig. Alle wirklich relevanten Hinweise lassen sich mindestens zwischen den Zeilen entdecken. Wenn man partout herausfinden will, ob eine Figur hinkt, weil sie im Alter von sieben Jahren vom Fahrrad gefallen ist, dann verzettelt man sich schnell. Das weiss ja das Publikum auch nicht – und kann trotzdem etwas mit dem Mann anfangen.

Der Fantasyfilm «The Shape of Water» wurde an den Filmfestspielen in Venedig mit dem Hauptpreis, dem Golden Löwen, ausgezeichnet.

Als Giles sind Sie für etliche der lustigen Momente in «The Shape of Water» zuständig …
Stimmt, wobei ich das natürlich in dem Sinne nicht gespielt habe. Giles ist ein lustiger, kauziger Typ, das ist Teil seiner Persönlichkeit. Aber er ist so ganz unabsichtlich und reisst nicht irgendwelche Witze. Ich musste das ganz ernst spielen, sonst hätte es nicht funktioniert. Schon allein, weil er ja eigentlich eine traurige Gestalt ist. Als alter schwuler Künstler in den Sechzigerjahren hatte er ja letztlich nicht viel zu lachen. Es ist alles Guillermo zu verdanken, dass die Balance zwischen Ernsthaftigkeit, Humor und grossen Gefühlen so gut gelungen ist.

«Als alter schwuler Künstler in den Sechzigerjahren hatte er ja letztlich nicht viel zu lachen.»

Wenn Sie es sich aussuchen könnten: Was würde mit Giles nach dem Ende des Films passieren?
Wäre es nicht wunderbar, er käme mit dem Mann vom Kuchenladen zusammen, sie würden zusammen glücklich und eröffneten eine McDonald’s-Filiale? (lacht) Nicht, dass das sonderlich realistisch ist. Aber sagen wir mal so, ohne zu viel über den Schluss zu verraten: Ich glaube, er hat am Ende etwas gelernt über das Leben und die Liebe, das ihn für immer verändern wird: Dass die Liebe immer und unerwartet auftauchen und so gross sein kann, dass sie sich durch nichts und niemand aufhalten lässt.

Lassen Sie uns kurz über die Wasserkreatur sprechen, die eine wichtige Rolle in «The Shape of Water» spielt. Wie war es, mit diesem Amphibienmann zusammen vor der Kamera zu stehen?
Oh, das war etwas ganz Besonderes. Die Kreatur wurde von Doug Jones gespielt, den ich das erste Mal bei einem Kameratest vor den eigentlichen Dreharbeiten sah – er war schon in seinem Kostüm. Das war wirklich ein verdammt cooler Anblick. Hätte ich nicht gewusst, dass Doug unter dieser Maske steckt, hätte ich kaum geahnt, dass diese Kreatur von einem echten Menschen verkörpert wird. Beim Dreh ging es mir ähnlich wie Giles im Film. Der Anblick war einerseits befremdlich, andererseits enorm faszinierend und wunderschön wie ein Kunstwerk. Ich konnte meinen Blick nicht von ihm abwenden.

Konnte Doug Jones in dieser Aufmachung überhaupt sprechen?
Das konnte er, sein Mund und seine Augen waren frei. Aber davon abgesehen war er unter diesem Spezial-Make-­up quasi lebendig begraben. Ich kenne das Gefühl ein kleines bisschen, denn im Rahmen von anderen Filmen musste ich bereits mein Gesicht und meinen Körper hergeben. Meistens, weil ich in meinen Filmen ziemlich oft sterbe und man für die Leichenszenen immer mit solchen Latexabgüssen arbeitet.

Die stumme Elisa (Sally Hawkins) erzählt ihrem Nachbarn Giles von der mysteriösen Wasserkreatur, die man im Forschungslabor gefangen hält.

Auch wenn man mich nur für kurze Zeit unter Latex begrub, war mir das genug. Aber Doug steckte bis zu 15 Stunden in diesem Anzug. Für mich unvorstellbar. Eines seiner Doubles, das auch mal in dieses Kostüm schlüpfen musste, bekam sogar einen klaustrophobischen Anfall.

Sie selbst tragen immerhin eine Perücke …
Eine billige obendrein, denn das sollen ja keine echten Haare sein, sondern eben wie eine billige Perücke aussehen. Wobei ich die letztlich gar nicht so schlimm fand. Ich freue immer so sehr, volles Haar auf dem Kopf zu tragen, dass ich mich sogar dieses Mal wieder im Spiegel sah und dachte: «Sieht doch eigentlich ganz okay aus.»

Wenn Sie so sehr auf volles Haar stehen, warum tragen Sie dann privat keine Perücke?
Bloss nicht. Denn selbst die teuersten und besten Perücken haben den Nachteil, dass es darunter eigentlich immer viel zu warm wird. Glauben Sie mir, ich weiss, wovon ich spreche. Ganz zu schweigen von einem anderen Problem: Wenn man einmal anfängt, ein Haarteil oder eine Perücke zu tragen, dann muss man es natürlich immer tun, sobald man das Haus verlässt. Schliesslich kann man nicht mal Haare haben und mal nicht. Eitelkeit hin oder her, das wäre mir viel zu aufwendig und mühsam.

Elisa und Zelda (Octavia Spencer) arbeiten im Forschungslabor als Reinigungs­kräfte.

Ihre Karriere reicht inzwischen schon über vierzig Jahre zurück. An welche Ihrer vielen Rollen aus dieser Zeit denken Sie am liebsten zurück?
Puh, das ist immer eine schwierige Frage. Und jedes Mal, wenn ich sie beantworte, habe ich danach das Gefühl, ein paar wichtige Produktionen vergessen zu haben. Aber auf jeden Fall war «Ein Sommer in New York – The Visitor» für mich ein ganz besonderer Film. Nicht so sehr, weil ich dafür für den Oscar nominiert wurde, sondern weil ich darin die Hauptrolle spielte, was ja sonst eher selten der Fall ist. Die Serie «Six Feet Under» wird auch immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben. Durch sie veränderte sich zum ersten Mal spürbar die Aufmerksamkeit für meine Arbeit. Aber auch der Mehrteiler «Olive Kitteridge» mit Frances McDormand war eine wunderbare Erfahrung. Oder «Eat Pray Love».

«Selbst wenn eine Geschichte in Spanien spielt, kann es passieren, dass man es für den Dreh nicht weiter als bis nach Detroit oder New Orleans schafft.»

Die von der Kritik eher verrissene Bestseller­verfilmung mit Julia Roberts?
Genau die. Wissen Sie, es heisst ja immer, wir Schauspieler_innen kämen herum und sähen die Welt. Aber die Welt, das heisst in unserem Fall heutzutage meistens Vancouver oder Toronto, denn in diesen kanadischen Städten werden die meisten Hollywood-Produktionen gedreht. Selbst wenn eine Geschichte in Spanien spielt, kann es passieren, dass man es für den Dreh nicht weiter als bis nach Detroit oder New Orleans schafft. Deswegen war «Eat Pray Love» so speziell, denn der Film wurde auf der ganzen Welt gedreht, immer dort, wo die Geschichte auch wirklich spielte. Fünf Wochen in Indien zu verbringen  – das war einfach der Wahnsinn, ein echter Traum. Genauso begeistert war ich davon, mehrere Monate in Berlin zu leben, um die Serie «Berlin Station» zu drehen. Eine derart spannende Stadt mit so viel Kultur und Geschichte findet man nicht oft auf der Welt.

Interview: Jonathan Fink

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