Der verunsicherte Mann

Wenn Männer an sich selbst (ver)zweifeln. Ein Kommentar von Predrag Jurisic. (Bild: Pixabay)
Wann ist ein Mann ein Mann?», fragte sich bereits Herbert Grönemeyer in seinem Hit von 1984 und fand selbst keine schlüssigen Antworten darauf. Wie das Bild der Männlichkeit mehr als drei Jahrzehnte später aussieht, zeigt eine Reise durch stereotype und falsche Vorbilder.

Der Mann von heute ist verunsicherter denn je, weil er immer mehr seinem eigenen und dem gesellschaftlichen Erwartungsdruck zu genügen hat und sich dabei aus den Augen verliert, weil er sich dauernd fragt: «Werde ich gelikt? Verdiene ich genug? Bin ich ein guter Liebhaber?» Was also macht einen Mann zu einem «echten Mann»?

«Bist du ein Mädchen oder ein Mann?»
Wer kennt diesen Spruch nicht: Ob auf dem Pausenplatz, in den Umkleidekabinen des lokalen Fussballclubs oder später bei der Soldatenrekrutierung – ein Mann darf vor allem eins nicht: ein Mädchen sein. Was eine solche Redensart, die sich längst in allen Teilen der Gesellschaft etabliert hat, explizit aussagt, zeigt sich, wenn aus dem Wort «Mädchen» plötzlich eine «Pussy», «Tunte» oder ein «Homo» wird: Sexismus.

Diese Redensart diskriminiert nicht nur das weibliche Geschlecht und die ihm zugeschriebenen Eigenschaften wie Empathie, Duldsamkeit oder Zartheit, sondern vermittelt auch eine perfide Botschaft, die irgendwann in Unterdrückung und Gewalt mündet, wonach Mädchen weniger wert seien als Jungen. Dass diese Redensart bereits tödliche Realität ist, zeigt ein Blick nach Südosteuropa: In Albanien, Montenegro, Mazedonien und im Kosovo ermöglicht es die Pränataldiagnostik, dass vermehrt weibliche Föten abgetrieben werden, weil die Jungen als Stammhalter den Familiennamen weitertragen und später mal die Eltern versorgen, während die Mädchen nach dem Heiraten das Elternhaus verlassen und somit der Familie nichts bringen. Die Folge: Ein Männerüberschuss, der laut einer Studie des UN-Bevölkerungsfonds (UNFPA) nicht nur das demografische Gleichgewicht kippen lässt, sondern auch zu mehr Gewalt, Prostitution und Menschenhandel führt.

Gleichzeitig spricht eine solche Einstellung dem männlichen Geschlecht jegliche Form von Mitgefühl, Verletzlichkeit oder den Wunsch nach Wertschätzung und Geborgenheit ab, weil Mann sonst als Schwächling gilt. Diese Denkweise zieht sich bis in die Schwulenszene, wonach Männer, die nicht dem Bild des Mackers entsprechen, als feminin oder tuntig bezeichnet und damit gering geschätzt werden, wie Hashtags auf den Dating-Apps Grindr und Co. zeigen: #nofems oder #onlyheterolike. Schwule also, die wie Heteros wirken möchten.

Illustration: Sascha Düvel

Doch warum? Aus Angst, als unmännlich klassifiziert zu werden? Dass sich jemand den Mund über sie und ihren Partner zerreisst? Kritiker würden an dieser Stelle aufführen, dass es bei diesem Ausdruck mehr um sexuelle Vorlieben gehe, wenn sich jemand einen «heteroliken» Typen wünscht. Das mag in einigen Fällen zutreffen. Dennoch schwingt auch hier eine Portion Diskriminierung mit – aus Angst, selbst als unmännlich abgelehnt oder als ungeouteter (Bi-)Mann «enttarnt» zu werden, weil sich in vielen Köpfen das Klischee «schwul gleich unmännlich und nicht wertvoll» nach wie vor hält.

Hart wie Kruppstahl, aber Angst wie ein Hase
«Flink wie die Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl» – so sollte nach Ansicht Hitlers die ideale NS-Jugend sein. Damit läutete er einen ungesunden Körperkult ein, der heute aktueller denn je ist: So mancher «Killer­body-Experte» hat dem Weihnachtsspeck pünktlich zum Jahresbeginn den totalen Krieg erklärt und redet mit Büchern und Videos jedem Mann mit einem BMI über 20 ins Gewissen, dass er zu dick, zu unattraktiv und damit zu unglücklich sei. Die Folge dieser Fitness- und Optimierungsumnachtung sind die permanenten Vergleiche unter Geschlechtsgenossen, sowohl im eigenen Umfeld als auch mit den falschen Vorbildern aus Film und Werbung, was zu einem völlig bizarren Bild der Männlichkeit führt: Überall herrscht eine optische Gleichschaltung der Männerwelt, bestehend aus Justin-Bieber-­Frisuren, putzig gepflegten Hipsterbärtchen, Storchenbeinen in Röhrenjeans und überproportional aufgepumpten Oberkörpern mit Bizepsen breiter als die eigenen Oberschenkel.

«So mancher ‹Killerbody-Experte› hat dem Weihnachtsspeck pünktlich zum Jahresbeginn den totalen Krieg erklärt.»

Dass sich dadurch so mancher Mann verunsichert fühlt und unter einer zunehmenden Versagensangst leidet, zeigt die steigende Nachfrage nach Schönheitsoperationen: Mittlerweile sucht jeder siebte Mann in Deutschland sein Glück unter dem Messer, das nicht allzu lange währt, weil dann schon die nächste Problemzone entdeckt wird und sich das tragische Skalpell­karussell schwindlig dreht. Vor einem solchen Schritt sollte ein Mann kurz innehalten und sich überlegen, ob es sicht mit seinem Wesen samt äusserem Erscheinungsbild bisher einfach auf die falsche Zielgruppe ausrichtete, und sich deswegen so unperfekt vorkommt. Darum ist es wichtig, sich als Mann zuerst selbst einzuordnen und zu akzeptieren. Zudem sind die Geschmäcker so verschieden, wie es Menschen gibt, sodass es auf der Welt genügend Platz für verschiedene Mannsbilder hat – ob als personifizierter Zentaur à la Putin mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd, als verschmuster und strubbeliger Rotschopf in Teddybärform wie Ed Sheeran oder als stilbewusster Banker, der sonntags mit Gleichgesinnten durch ein Bootcamp robbt, weil ihn Militärklamotten scharfmachen.

Ein Mann sollte also das sein, was er ist und wie er ist. Aber dazu gehören Mut, Selbstbewusstsein und Selbstwertschätzung, die es erlauben, sich gesellschaftlichen und modischen Zwängen zu entziehen und ganz Mann zu sein. Stattdessen rennen die Herren von heute wie verängstigte Hasen herum, nur um in der kommerziellen Gleichschaltung der Selfie­generation einen Platz zu finden – bloss nicht als Platzhirsch, sondern als Freiwild.

Weg von stereotypen Bildern
Damit sich jede_r – ob Mann oder Frau – künftig in der eigenen Haut wohlfühlt und nicht irgendwelchen Trends nachläuft, braucht es ein Aufbrechen stereotyper Denkmuster bezüglich der Geschlechterrollen und -bilder, die heute eine Renaissance erleben. Ein Blick in die gegenwärtigen Kinderzimmer reicht dazu schon aus: Jungs haben blaugefärbte Tapeten und Kleidungsstücke, Mädchen rosafarbene. Jungs spielen mit Actionhelden und Waffen, Mädchen mit Puppen. Und wehe, es zeigt ein Junge Interesse daran, mit den Puppen seiner Schwester zu spielen. Spätestens dann wird der Kinderpsychologe eingeschaltet, weil sich der Bub «nicht seinem Geschlecht entsprechend verhält». Dabei könnte es doch sein, dass der Junge über eine hohe soziale Kompetenz verfügt, was der Gesellschaft später viel nützlicher wäre als ein weiterer Egomane, der Vermögen sinnlos verzockt und damit Wirtschaftskrisen hervorruft.

«Und wehe, es zeigt ein Junge Interesse daran, mit den Puppen seiner Schwester zu spielen. Spätestens dann wird der Kinderpsychologe eingeschaltet.»

Gleichzeitig bekommen die Mädchen eingetrichtert, im Leben nur etwas zu erreichen, wenn sie als sehniges Sammelsurium in High Heels einen Laufsteg runterklackern können, damit ihnen eine quarrend quakende Stimme sagen kann, dass sie ein Bild für sie hat. Dabei sollte es klar sein, dass die selbsternannten Vorbilder aus der Mode- und Hollywoodsippe einzig und allein am eigenen Profit interessiert sind. Darum sollte schon die Erziehung darauf achten, die Persönlichkeit eines jeden Kindes zu fördern, weil diese einzigartig ist und somit auch beste Chancen hat, sich beruflich und partnerschaftlich bestens zu entwickeln – ganz ohne Optimierungswahnsinn. Denn Vielfalt ist bekanntlich attraktiver als Einfalt.

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