Ein Abgesang auf das Binge Watching

Und plötzlich ist es drei Uhr nachts. Wer beim Fernsehen einen Gang runterschaltet hat nichts verloren. (Bild: © Peter Bernik)
Die letzte Serie, die ich nicht gestreamt, sondern noch regelmässig als Erstausstrahlung im Fernsehen verfolgt habe, war «Desperate Housewives» ...

… das war zu Zeiten meines Studiums, und ich erinnere mich noch genau daran, wie ich mittwochabends von der Uni nach Hause gehechtet bin, um unter keinen Umständen die ersten Minuten der neuen Folge zu verpassen. Was habe ich geflucht, wenn der Dozent nicht rechtzeitig die Vorlesung beendete oder die U-Bahn anschliessend Verspätung hatte. Immerhin wollte man am nächsten Tag ja mitreden können, die grandiose Folge bis ins kleinste Detail analysieren und sich dann tagelang in Theorien verwickeln lassen, wie es in der nächsten Woche wohl weitergehe. Heute sieht das ganz anders aus. Wer die neuste Serie nicht sofort am Tag ihres Erscheinens wegsuchtet, wird abgestraft, ausgegrenzt und abgeschrieben.

Zuletzt ist mir das bei der zweiten Staffel von «Stranger Things» so ergangen. Da heutzutage in Beziehungsfragen Fremdgehen ein weit weniger schlimmes Vergehen ist als die gemeinsam angefangene Serie alleine weiterzuschauen und ich weder das eine noch das andere tue, konnte ich erst zwei Tage nach ihrem Release mit der neuen Staffel beginnen. «Schon in ‹Stranger Things› reingeschaut?», frage ich meine Freundin Laura bei einem Kaffee nach der Arbeit. «Krass, ja! Hab die Staffel am Wochenende gesehen. Irre, wie Elfie im Finale …» «STOP!!» Als ich erzähle, dass ich erst zwei Folgen gesehen habe, ernte ich erstaunte Blicke. Immerhin hatte sie in der Zwischenzeit auch schon alle Folgen von «G.L.O.W.» und ganz nebenbei auch «Alias Grace» gesehen. Eigentlich hätte sie mir auch erzählen können, was in der letzten Folge passiert. Längst bin ich aus Versehen auf Face­book über den kompletten Ausgang der neuen Staffel gestolpert.

Ja ich vermisse sie, die gute alte Zeit, als uns das Fernsehen noch vorgab, wie weit wir eine Serie gucken können, und alle auf dem gleichen Wissenstand waren. Denn sind wir mal ehrlich: Das Gemeinschaftsgefühl geht doch mittlerweile gänzlich flöten. Nach einem guten Cliffhanger eine Woche lang nicht zu wissen, wie es weitergeht, versetzte mich tagelang in aufgeregte Spannung, liess mein Gehirn Purzelbäume schlagen und sich in Mutmassungen über den Fortgang der Serie ergehen. Wird sich Dylan für Brenda oder doch für Kelly entscheiden? Wer ist denn nun Gossip Girl? Könnte das Vampirleben von Eric Northman tatsächlich im Sonnenlicht ein jähes Ende gefunden haben?

Auch darüber, wie gut (oder schlecht) eine einzelne Folge gemacht war, unterhielt man sich früher noch viel häufiger. Vielleicht war ich ja doch mehr Filmstudent, als mir während meines Studiums der Filmwissenschaften und angesichts meiner kauzigen Kommiliton_innen lieb gewesen wäre, aber auch diesen Teil vermisse ich. Heute weiss doch keiner mehr so recht, wann die eine Episode aufhört und die nächste anfängt. Geschweige denn kann man sich an bestimmte Details erinnern. In einem Interview sprach die Netflix-­Pro­du­zentin Kelly Luegenbiehl unlängst sogar von so genannten «Binge Races», bei denen es darum geht, eine Serie möglichst als Erster gesehen zu haben. Ganz ehrlich, Kelly? Zu wissen, dass ich eigentlich gerade nicht arbeiten oder lesen dürfte, sondern vielmehr die nächste Serie schauen müsste, stresst mich!

Wer die neuste Serie nicht sofort am Tag ihres Erscheinens wegsuchtet wird abgestraft, ausgegrenzt und abgeschrieben.

Ich habe auch schon versucht, komplette Serienstaffeln am Stück zu schauen, und bin kläglich gescheitert. Zwar ist meine Serienliebe grenzenlos, aber meine Aufmerksamkeitsspanne einfach zu gering. Zu lange halte ich es nicht auf der Couch aus, dann verlangt es mich schon nach Abwechslung. Ein Jahr lang auf neue Folgen warten, nur um diese dann binnen eines Tages zu schauen? Ohne mich! Ich bin sicher, dass Leute, die Binge Watching betreiben, auch zu den Kindern gehörten, die schon am ersten Tag ihre kompletten Adventskalender aufassen. Bewusst geniessen – das sollte für Serien ebenso gelten wie für Alkohol und Tabakwaren. Ich bin übrigens auch ein echter Pedant und Neurotiker, was gemeinschaftliche Serienabende angeht. Da werden vorher Handys konfisziert und raschelnde Chipstüten aus dem Zimmer verbannt, aber das ist noch mal ein Thema für sich …

Was soll ich als Nächstes schauen? Welche ist deine Lieblingsserie? – robin@mannschaft.com

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