Es ist kompliziert, hier zu leben, aber es ist möglich

Weissrussland gilt als eines der homophobsten Länder Europas. Ressentiments sind in der Bevölkerung stark verbreitet, von staatlicher Seite wird massiver Druck auf LGBT-Aktivistengruppen ausgeübt. 2013 kam die schwul-lesbische Bewegung komplett zum Erliegen.

Smizjer Schamtschuschnikau muss bald seinen Familiennamen ändern. Karol wird er künftig heissen, wie seine Grosseltern. Dem 24-jährigen Weissrussen bleibt keine andere Wahl: Im Sommer 2016 hatte sich Smizjer bei seinen Eltern als bisexuell geoutet – besonders für den Vater eine grosse Schande für die ganze Familie. Als Konsequenz darf sein Sohn nicht länger den Familiennamen tragen.

Umgezogen ist Smizjer schon. Zu seinen Grosseltern, die ebenfalls in der weissrussischen Hauptstadt Minsk wohnen. Diese versuchen, sich mit der verfahrenen Situation zu arrangieren. Doch auch sie haben für die Neigung ihres Enkels wenig Verständnis. Irgendwie müsse man den Jungen doch ändern können, hatten sie in einem Telefonat mit Smizjers älterer, in Polen lebender Schwester geäussert. Diese wusch Oma und Opa gehörig den Kopf: Wollt ihr ihn in den Selbstmord treiben? Akzeptiert ihn, wie er ist, forderte sie.

An Smizjers Geburtstag verbot ihm seine Schwester jeglichen Kontakt mit den Kindern, er dürfe sie nicht einmal mehr anfassen. Er sei schliesslich krank.

Weitaus weniger verständnisvoll verhält sich Smizjers zweite Schwester, die mit ihrem Ehemann und ihren zwei Kindern gemeinsam in der elterlichen Wohnung lebt. An Smizjers Geburtstag Anfang September verbot sie ihrem Bruder jeglichen Kontakt mit ihren Kindern, er dürfe sie nicht einmal mehr anfassen. Er sei schliesslich krank. Smizjers Vater wolle ebenfalls alles dafür tun, um Kommunikation seines Sohnes mit den Kindern zu unterbinden. Wenn er Hunger habe oder Geld brauche, dürfe Smizjer aber vorbeikommen. Sie würden sich auch mit ihm unterhalten, aber nur über neutrale Themen wie das Wetter.

Minsk, die Hauptstadt Weissrusslands, steckt voller Gegensätze. Sowjetische Staatssymbole sind noch überall sichtbar, man findet jedoch auch coole Hipsterbars. (Foto: Stephan Lücke)

Freundeskreis reagierte positiv
Wie geht ein 24-Jähriger damit um, wenn er in einer homophoben Umgebung aufwächst und von seiner Familie keinerlei Unterstützung erhält? Smizjer sagt, das Jahr habe ihn stark gemacht, er sei selbstbewusster geworden. «Natürlich macht mir die Situation zu schaffen, und ich bin traurig», räumt der Medizinstudent ein, «doch auf der anderen Seite bin ich froh, mich nicht mehr verstecken müssen. Ich kann endlich so sein, wie ich bin.»

Viel Unterstützung erhält Smizjer von seinen Freunden, bei denen er sich in den vergangenen Monaten ebenfalls geoutet hat. «Alle wissen Bescheid», so der gutaussehende Hauptstädter. «Und alle haben positiv reagiert. Ich habe keine einzige negative Bemerkung erhalten. Das gibt mir viel Kraft.»

Smizjer hat zumindest in seinem Freundeskreis Glück gehabt, denn positive Reaktionen nach einem Outing sind in Weissrussland keineswegs selbstverständlich. Homosexualität ist in dem oft als letzte Diktatur Europas bezeichneten Land noch immer weitgehend tabuisiert. Schwule Handlungen werden zwar seit Mitte der Neunzigerjahre nicht mehr strafrechtlich verfolgt, die Community wird aber noch immer von staatlicher Seite massiv unterdrückt und in der Wahrnehmung ihrer Rechte eingeschränkt.

Weissrussland wird seit mehr als 20 Jahren autoritär von Aljaksandr Lukaschenka regiert. Dieser machte aus seiner ausgeprägten Abneigung gegenüber Homosexuellen noch nie einen Hehl. Für internationale Negativschlagzeilen sorgte beispielsweise 2012 eine süffisante Äusserung des 63-Jährigen, lieber ein Diktator sein zu wollen als schwul – eine Anspielung auf den ehemaligen, mittlerweile verstorbenen deutschen Aussenminister Guido Westerwelle, der Lukaschenka zuvor als «letzten Diktator Europas» bezeichnet hatte.

Politiker und politische Organisationen in Weissrussland stehen homosexuellen Menschen und ihren Anliegen generell meist ablehnend gegenüber. Es existieren keine Antidiskriminierungsgesetze zum Schutz von Schwulen und Lesben. Straftaten, die gegen sexuelle Minderheiten verübt werden, werden von den Behörden oft nur schleppend oder gar nicht verfolgt. Hinzu kommt, dass es in Weissrussland keine unabhängige Justiz gibt. Die Menschen sind der Willkür der Behörden meist schutzlos ausgeliefert. Auch deshalb herrsche in der Exsowjetrepublik eine «diffuse Angst», wie es die Berliner Journalistin Pauline Tillmann treffend in einem Onlineaufsatz ausdrückte. Man bemerke sie nicht, wenn man als Fremder durch die Strassen von Minsk laufe oder ein Café besuche, aber im Gespräch mit den Einheimischen werde sie deutlich spürbar.

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