Kein Platz für Homosexualität in Nordkorea

Jang Yeong-jin flüchtete auf Grund seiner sexuellen Orientierung von seiner Heimat Nordkorea nach Südkorea in die Stadt Seoul. (Bild: Fabian Kretschmer)
Jang Yeong-jin bekennt sich als erster Nordkoreaner offen zu seiner Homosexualität. Dabei entdeckte er seine sexuelle Orientierung erst in seiner zweiten Heimat Seoul.

Als Jang Yeong-jin vom südkoreanischen Geheimdienst verhört wird, stehen die Beamten vor einem schier unlösbaren Rätsel: Wieso würde ein Mann aus gutem Hause, mit einer angesehenen Arbeit und bildhübschen Frau an seiner Seite nur eine solch lebensbedrohliche Flucht auf sich nehmen? Gehungert habe der Nordkoreaner nicht, das schliessen die Agenten bald aus, und nur wenig deutet auf eine politische Verfolgung hin. Nach Wochen voll quälend langer Verhöre scheint nur mehr ein Motiv überzubleiben: Ob er jemanden in seiner Heimat umgebracht habe, fragen die Beamten ein ums andere Mal. Dabei hätten sie falscher gar nicht liegen können.

«Ich habe mich ohne Ende für die Wahrheit geschämt», sagt der 55-Jährige heute. Doch die Wahrheit, die erschloss sich auch ihm damals nur schemenhaft.

«Was ist nur in deinem Kopf los?»
Mit grossem Stolz preist das Kim-Regime seine Bevölkerung als homogenste der Welt, ethnisch wie auch ideologisch. Eindrücklich zelebriert sie das bei den Arirang-Massenspielen, der grössten Stadion-Choreografie der Welt: Zehntausende Nordkoreanerinnen tanzen dort im Gleichschritt, haben dieselbe Hautfarbe, Körpergrösse, ja scheinbar auch dieselbe Gesinnung. Wie muss es sich in einer solchen Gesellschaft wohl anfühlen, anders zu sein als die anderen? Jang sagt über sein früheres Leben: «Es gab für mich keinen Traum, keine Hoffnung, keine Zukunft».

Als kleiner Junge schlendert er fast täglich die drei Kilometer vom Elternhaus bis zur Küste, wo er den Möwen beim Fliegen zuschaut, und stundenlang darüber rätselt, welches Land wohl am anderen Ende des Meeres liegt. Sobald ein Flugzeug am Horizont auftaucht, verfinstert sich Jangs Gemüt – wohl wissend, dass er niemals in einem solchen sitzen würde. «Was ist nur in deinem Kopf los?», fragt ihn die Mutter einmal: «Was soll später bloss aus dir werden?».

Offiziell gibt es keine Schwule oder Lesben in Nordkorea, weil das Volk über eine «gesunde Denkweise» verfüge.

Die Vormittage in der Schule sind meist mit Aufsätzen gefüllt, epische Lobeshymnen an Kim Il Sung, dem Staatsgründer und Übervater der Nation. Schon damals denkt sich Jang: Wieso soll ich schreiben, wie glücklich ich bin – wenn ich doch jeden Morgen nur eine mickrige Reissuppe zu essen kriege? Wenn ich erwachsen werde, so schwört er sich, möchte ich endlich schreiben, was ich wirklich denke.

In der Schule lernt Jang auch das erste Mal über die Liebe. Sie sei das schönste auf der Welt, müsse revolutionär sein, bis zum Äussersten gehen. Liebe, das sei eine Widmung fürs Leben.

Homosexualität gibt es in Nordkorea nicht
Seon-cheol ist der Neue in der Klasse, ein Kopf grösser als die anderen, und hat ein rundliches, ebenmässiges Gesicht. Die beiden werden auf Anhieb beste Freunde, halten Händchen auf dem Schulweg, werden unzertrennlich. Oft isst Jang bei Seon-cheols Familie zu Abend, und nie will er danach nach Hause gehen, sondern stets bei seinem neuen Freund übernachten. «Wenn Seon-cheol mich angeschaut hat, haben seine Augen vor Leidenschaft gebrannt», erinnert sich Jang: «Heute denke ich, er war die Liebe meines Lebens ».

Rund die Hälfte (!) der 25 Millionen Einwohner lebt in schwerer Armut. (Bild: Pixabay)

Offiziell gibt es keine Homosexuellen in Nordkorea, weil das Volk über eine «gesunde Denkweise» und «gute Sitten» verfüge. So vermeldete es die staatliche Nachrichtenagentur im Frühjahr letzten Jahres, als der offen schwule Anwalt Michael Kirby der Weltöffentlichkeit seinen UN-Bericht über die Menschenrechtsverletzungen Nordkoreas präsentierte. Als «ekelhafter, alter Lüstling» wurde der Australier damals beschimpft.

Berührungslose Hochzeitsnacht
Laut Aussagen vieler nordkoreanischer Flüchtlinge hat das einfache Volk gar keine wirkliche Vorstellung von Homosexualität. Auch Jang Yeong-jin hatte nie zuvor davon gehört, als er mit 17 Jahren seinen Wehrdienst antritt.

Und dennoch sei es damals ganz selbstverständlich gewesen, gar eine Frage des Überlebens, dass die Rekruten während bitterkalter Winter eine gemeinsame Decke teilen. «Mich lobten die Kameraden wegen meiner Schönheit», sagt Jang: «Mein Gesicht, so sagten sie mir, sei weich wie das einer Frau». Vorgesetzte locken ihn manchmal mit Äpfeln in ihr Bett, und auch der Kantinenchef gibt dem allseits beliebten Jang gerne einen doppelten Nachschlag.

«Meine Frau war schlau, hübsch und gebildeter als ich. Wieso sollte sie mit mir unglücklich werden?»

«Revolutionäre Kameradschaft» nennt sich im Propagandajargon die Bindung der Soldaten, die – zehn Jahre auf engem Raum zusammenlebend – weder ihre Familien besuchen dürfen, noch dem anderen Geschlecht näher kommen können. Für Jang Yeong-jin ist es vor allem eine Zeit der Sehnsucht. Während der Nachtdienste kreisen seine Gedanken einzig um Seon-cheol.

Auch Jahre später in der Hochzeitsnacht muss er unentwegt an ihn denken. Seine Ehefrau, vorgestellt durch die drängelnde Mutter, lässt er damals unberührt. Nach Jahren der Kinderlosigkeit werden die Ratschläge der Eltern dringlicher. Später verlangen sie handfeste Erklärungen, schliesslich fordern sie Arztbesuche ein. Dass ihr Sohn kein Interesse an Frauen hat, wollen sie schlicht nicht hören.

«Meine Frau war schlau, hübsch und gebildeter als ich. Wieso sollte sie mit mir unglücklich werden? Sie hatte einen besseren Mann verdient, jemand, der sie aufrichtig liebt», sagt Jang. Er überredet sie nach neun Jahren Ehe zur Scheidung, doch die Behörden lehnen ab, Nur wenn ich das Land verlasse, denkt Jang damals, können wir beide glücklich werden.

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