Wenn Mann nicht kann

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Wenn es um Sex geht, so scheint es ein einfaches Grundprinzip zu geben: Männer muss man nicht zweimal bitten. Das stimmt nicht ganz. Und das ist auch in Ordnung so.

Männer wollen Sex. Möglichst viel davon. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Sie sind gierige Jäger, schiessen ab, was ihnen vor die Flinte läuft. Nur den Knopf drücken, und los gehts. Sie sind Handwerkerkönige, Polizisten und Feuerwehrmänner, Starchirurgen oder Topbanker. Sie sind moderne Gladiatoren, energisch und kräftig. Sie sind Grossstadtcowboys, die ihre Gespielinnen oder Liebhaber auf den Ritt ihres Lebens mitnehmen. Jeder Handgriff sitzt, sowohl im Beruf als auch im Bett. Manche sind nebenbei noch Väter, sexy Daddys, die mühelos Nachwuchs, Job und Liebesleben jonglieren. Easy, alles kein Problem.

Erwartungen und Idealtypen
Übertrieben, diese Beschreibungen? Selbstverständlich. Und doch gibt es sie noch immer, die Klischees und Vorstellungen davon, wie Männer sind oder sein sollten: Erfolgreich, fit und gut gelaunt. Vor allem Heteros müssen zusätzlich noch rücksichtsvolle, umsichtige Ehemänner und liebende Väter sein. Und was von allen Männern erwartet wird: Sie sind Bomben im Bett. Voll fit im Schritt. Das starke Geschlecht kann und will immer.

Nur das eine?
Stimmt das wirklich, oder handelt es sich hierbei um einen Mythos? Wenn auch um einen, der – zumindest in der Öffentlichkeit – sehr erfolgreich aufgebaut, gehegt und gepflegt wurde? In den vergangenen Monaten erschienen auf 20 Minuten Online gleich zwei Artikel, die sich um das Gleiche drehten: Die Flaute im Bett. Leserinnen wandten sich mit ihren Fragen an den Sexualpädagogen Bruno Wermuth, alias Doktor Sex. Das Problem der beiden Frauen war die Lust-losigkeit ihrer Freunde. «Im Bett läuft seit über einem Jahr absolut nichts mehr», klagte die eine. Wenn sie heute den Versuch starte, den Liebsten zu verführen, werde sie abgewiesen. Dieses Verhalten sei ja total untypisch für einen Mann. «Ich meine, die wollen doch eh alle immer nur das Eine!»

Keine Lust, keine Erektion
In seiner Antwort schrieb Bruno Wermuth, dass die Zahl solcher Anfragen sprunghaft angestiegen sei. Nun frage er sich, ob an diesem Thema nicht doch mehr dran sei, als er bisher gedacht habe. Deshalb rief er die Leserschaft auf, ihm ihre Erfahrungen mitzuteilen und eine Umfrage auszufüllen. Bei 35 Prozent der Teilnehmenden handelte es sich um Männer, die das Phänomen der Lustlosigkeit offenbar nicht kennen. Immerhin ein Viertel gab jedoch an, männlich und zumindest zeitweilig lustlos zu sein.

Viele Frauen und Männer haben noch immer die fixe Idee im Kopf, dass Mann stets kann.

Wer keine Lust empfindet, hat auch Mühe, Erektionen zu haben. Aber auch Männer, die Lust empfinden, kämpfen bisweilen mit Erektionsproblemen. Keinen «hochkriegen», vorzeitig «schlappmachen», in der Kiste «nicht abliefern» – über das Thema Stehvermögen wird kaum gesprochen. Nicht zuletzt, weil viele Frauen und Männer noch immer die fixe Idee im Kopf haben, dass Mann stets kann.

Mehr Betroffene, als man denkt
Diese Tabuisierung müsste nicht sein. Betroffene sind nicht allein, Lust- und Erektionsprobleme sind häufig und betreffen gemäss Sexualtherapeut Stefan Leschner mindestens einen von zehn Männern, wobei die Häufigkeit mit dem Alter zunimmt. «Neueren Untersuchungen zufolge beträgt der Anteil von Männern über 30 mit Erektionsstörungen zwischen 20 und 50 Prozent.» Im Laufe ihres Lebens sind mindestens zwei Drittel aller Männer mit der Thematik konfrontiert. Gemäss Leschner gilt als Faustregel: Sind in den letzten drei Monaten über 30 bis 50 Prozent der Geschlechtsverkehrsversuche frustrierend verlaufen, so liegt wahrscheinlich eine Erektionsstörung vor.

Körper und Kopf 
Diese Schwierigkeiten können zum einen körperlich, zum anderen mental bedingt sein. Physische Gründe sind beispielsweise Blutdruckprobleme, ein Mangel an Vitalstoffen wie Vitamin D sowie Belastungen durch starkes Rauchen, Alkohol oder Medikamente. Mit zunehmendem Alter verringert sich zudem die Elastizität des Bindegewebes am Penis, und bereits zwischen dem 30. und 35. Lebensjahr nimmt die Testosteronproduktion ab, was ebenfalls zu Erektionsproblemen führen kann.

Laut Sexcoach Leschner gibt es klare Indizien dafür, ob Erektionsschwierigkeiten psychisch oder physisch bedingt sind: Störungen, die sich sehr rasch entwickeln, deuten auf mentale Ursachen hin. Dasselbe gilt, wenn Selbstbefriedigung gut funktioniert, die Erektion aber ausbleibt, sobald ein Partner dabei ist.

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