Vom Verfolger zum Partner der LGBTIQ-Community

LGBTIQ-Community
Foto: VelsPol Nordwest
Fast täglich werden in Deutschland Mitglieder der LGBTIQ-Gemeinde beschimpft und verprügelt – die Zahlen sind seit Jahren auf einem hohen Niveau. Dabei wird ein Großteil der Übergriffe gar nicht zur Anzeige gebracht. Die Polizei versucht das, in Zusammenarbeit mit der Community zu ändern – je nach Bundesland sieht das in der Praxis sehr unterschiedlich aus.

Jedes Jahr rechtzeitig zum Internationalen Tag gegen Homo-, Bi- und Transphobie IDAHOT am 17. Mai liegt die Statistik über LGBTIQ-feindliche Straftaten vor. Sie haben sich deutschlandweit im Vergleich zum Vorjahr kaum verändert; in Berlin dagegen stellte das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo einen Anstieg der Übergriffe fest. Und trotzdem muss man muss diese Zahlen noch mit Vorsicht genießen, denn längst nicht alle Straftaten werden angezeigt. Experten gehen von einer Dunkelziffer aus, die bei 80 % oder noch höher liegt. Einer der Gründe: Viele queere Menschen, vor allem die älteren, erinnern sich noch gut an die Zeiten, als die Polizei nicht ihr Freund und Helfer war, sondern der Gegner. Paragraph 175, der Homosexualität unter Strafe stellte, wurde in Deutschland erst 1994 abgeschafft. Auch wenn sich die Polizei mittlerweile „vom Verfolger zum Partner“ der Community entwickelt hat, wie es der ehemalige Berliner Polizeipräsident Klaus Kandt mal ausgedrückt hat, sitzt das Misstrauen teilweise noch tief.

Um das Verhältnis zur Community zu verbessern, hat die Polizei fast überall in Deutschland sogenannte Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen (AGL) geschaffen. Je nach Bundesland gibt es aber große Unterschiede. Nur in zwei Stadtstaaten sind diese LGBTIQ-Kontaktstellen als Full Time Job angelegt: Berlin hat schon seit über 26 Jahren hauptamtliche AGLs – zwei bei der Polizei, zwei bei der Staatsanwaltschaft; Hamburg hat seine Ansprechpersonen im Sommer 2016 zu zwei hauptamtlichen Ämtern ausgebaut.

Überall sonst in der Republik sind Polizisten nur nebenamtlich als Kontaktperson tätig. In Bremen beispielsweise, wo es dieses Amt erst seit 2015 gibt, steht den beiden AGL durchschnittlich ein Tag pro Woche zur Verfügung. Nebenamtliche Ansprechpartner berichten übereinstimmend, dass ihre Zeit oft nicht ausreicht und viel Eigeninitiative nach Feierabend gefragt ist.
In Brandenburg ist Polizeioberkommissar Marco Klingberg (47), im Hauptamt tätig als Einsatzbearbeiter in Notfällen, schon seit 2005 der zuständige nebenamtliche AGL. Damals hatte zuvor die brandenburgische Stadt Frankfurt/Oder eine Ansprechperson benannnt und Klingberg fand, das dies auch in Potsdam angebracht sei und forderte das Amt bei der Polizeiführung ein. Ihm waren Fällen von Diskriminierung innerhalb der Polizei bekannt, dazu kamen Übergriffe auf Mitglieder der LGBTIQ-Gemeinde in Brandenburg. Das Präsidium ließ sich überzeugen und machte den Weg frei für das Amt – wohl auch zu, weil man „politisch gut dastehen wollte“, sagt Klingberg.

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Marco Klingberg (Foto; Pressestelle Polizeipräsidium Land Brandenburg)

Als Kontaktperson im Polizeipräsidium wirkt er sowohl nach innen wie auch nach außen. Wenn Menschen Opfer einer homo- oder transphoben Straftat werden, aber sich nicht trauen, Anzeige zu erstatten, dann unterstützt er sie dabei. Umgekehrt kann sich der Sachbearbeiter, der eine Anzeige aufnimmt, mit Fragen an ihn wenden. Bei Ermittlungen im Zuge von Straftaten ist Klingberg nicht eingebunden.
Dafür arbeitet er im Bereich Opferschutz mit verschiedenen Vereinen zusammen, macht Beratungsangebote: Was passiert, wenn meine Anzeige erstattet wurde? Oder er bereitet Kollegen darauf vor, wie sie sich verhalten sollten, wenn sie es mit Fällen von häuslicher Gewalt in schwulen oder lesbischen Beziehungen zu tun haben.
Manchmal kommen auch Kollegen zu ihm, die es nicht wagen, sich in der Behörde zu outen. Klingenberg erzählt von einem Polizisten, der sich eine zweite Biographie zu seinem eigentlichen Leben aufgebaut hat. Seit Mitte der 90er Jahre geht sein Versteckspiel schon, und nun glaubt er, nicht mehr zurückzukönnen: Er hat Angst als unglaubwürdig zu gelten, weil er den anderen so lange etwas vorgemacht hat.

Mit dem Coming-out war eine Last von mir genommen

Klingberg versucht dem Kollegen zu helfen. „Nicht indem ich ihm zum Coming-out überrede, das muss jeder Kollege selber entscheiden.“ Aber Ratschläge kann er ihm geben und ihm aufzeigen, wie er selbst als geouteter Polizist lebt und arbeitet ohne ausgegrenzt zu werden. Als Klingberg 1989 bei der Polizei anfing, war er selbst noch ungeoutet. Aber nach kurzer Zeit war es ihm lästig, sich immer wieder etwas einfallen zu lassen, was er den Kollegen erzählen könnte, das er am Wochenende unternommen hätte. Außerdem wollte er seinen Freund nicht länger verleugnen. 1992 outete er sich schließlich. „Eine Last war von mir genommen“, erinnert er sich. Die Kollegen nahmen es positiv auf, offene Diskriminierung bei der Polizei hat er nicht erlebt. Andere Kollegen können das nicht von sich behaupten. Blöde Kommentare muss sich der eine oder die andere immer noch anhören. Auch sowas ist ein Fall für den Ansprechpartner.

20 bis 30 % seiner Arbeitszeit widmet er LGBTIQ-Fragen. Die Zeit reicht aber nicht, sagt er. Wenn er Beratungstermine wahrnimmt, macht er das außerhalb seiner üblichen Dienste oder an freien Tagen. Das kann er sich zwar als Dienstzeit gutschreiben lassen. Aber ideal, sagt Klingberg, wäre eine hauptamtliche Stelle. Zumal seine Stelle noch nicht sehr publik in Brandenburg ist, findet Klingberg. Das sei das Problem, wenn man es im Nebenamt macht, da könne man nicht so präsent sein.

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Christina Osbahr (re) aus Hamburg und ihr Polizeipräsident (Foto: Polizei Hamburg)

In Hamburg hat man das eingesehen erkannt und im Sommer 2016 Tatsachen geschaffen. Dort ist Christine Osbahr (52) eine von zwei hauptamtlichen Kontaktpersonen. Seit 1996 bei der Hamburger Polizei, war sie zuvor u. a. in der Drogenprävention tätig, im Jugendschutz und im Reviervollzugsdienst in St. Georg. Als Ansprechpartnerin für gleichgeschlechtliche Lebensweisen sieht ihr Aufgabenfeld ähnlich aus wie bei ihrem Kollegen in Brandenburg: Sie hilft Opfern von Straftaten bei der Aufnahme von Anzeigen und vermittelt sie an Opferhilfegruppen und Beratungsstellen, hält Vorträge an der Polizeiakademie zum Thema Hasskriminialität etc. Sie wird aber auch bei Bedarf bei Ermittlungen einbezogen. Wie im Fall zweier älterer Herren, seit über 40 Jahren ein Paar, die in der Seniorenwohneinrichtung, wo sie leben, massiven homophoben Beschimpfungen ausgesetzt waren. Andere Bewohner beleidigten die Männer immer wieder, was sich schließlich auch auf die Gesundheit der beiden ausgewirkt habe. Osbahr und ihre Kollegen nahmen Anzeigen auf und sprachen mit den Betreibern der Anlage. „Das ging mir wahnsinnig zu Herzen, aber jetzt haben die beiden Ruhe.“

Osbahr würde es begrüßen, wenn es in Deutschland mehr Ansprechpartner gäbe, die im Hauptamt tätig sein können. Die mit derselben Präsenz und Sichtbarkeit wie sie selbst für ein besseres Miteinander zwischen Polizei und Community sorgen. Und dass es für Polizisten, die dieses Amt ausüben, festgelegte Standards gibt, wünscht sich Osbahr. Im Moment hängt noch viel an der Eigeninitiative und der Kreativität der jeweiligen Polizisten. Auch eine Art zusammenfassende Organisation gibt es übrigens nicht: So fanden bisher erst zwei Bundesreffen der polizeilichen Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen statt – das letzte war Ende 2014 in Bremen.

Die meisten Geflüchteten kennen Polizei aus ihrer Heimat nur als Verfolgungsorgan, da ist die Anzeigebereitschaft nochmal niedriger

Marco Klingberg aus Brandenburg ist optimistisch, dass sein Amt aufgewertet und vielleicht ebenfalls zu einem hauptamtlichen ausgebaut wird. Die Landesregierung hat Ende 2017 den „Aktionsplan für Akzeptanz von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt, für Selbstbestimmung und gegen Homo-und Transphobie in Brandenburg“ beschlossen. Jetzt wird erarbeitet, wie man LGBTIQ-Themen in der Aus- und Weiterbildung bei der Polizei umsetzt oder Gewaltprävention angeht und vielleicht auch sein Amt ausbaut. So lange das nicht passiert, kann er viele präventive Maßnahmen nur im Konjunktiv denken.

In Bereichen, wo sich Kriminalität häuft, könnte man sich mit anderen Verbänden zusammenschließen, etwa in Fußballvereinen. Denn wenn bei Spielen Banner mit homophoben Sprüchen gezeigt werden, ist das ist eine Straftat. Leider fehlt die Zeit, das umzusetzen. Auch beim Thema Gewalt gegen queere Flüchtlinge müsste man etwas unternehmen. „Die meisten kennen Polizei aus ihrer Heimat nur als Verfolgungsorgan, da ist die Anzeigebereitschaft nochmal niedriger“, sagt Klingberg. Damit das Amt ausgebaut wird, müsste es auch die Community einfordern, findet er. Das wäre auch Aufgabe der queeren Szene, findet Klingberg. „Wenn ich es allein fordere, wird es wahrscheinlich nicht passieren.“

Der vollständige Artikel ist in Mannschaft 5/2018 erschienen – hier geht‘s zum Abo!

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