Die Zurich Pride macht Druck für die «Ehe für alle»

Mit «Same Love, Same Rights» fordert die Zurich Pride die Öffnung der Ehe.
Unter dem Motto «Same Love, Same Rights» fordert die diesjährige Zurich Pride die Öffnung der Ehe. Mit einer zweiten Bühne für Politik und Kultur sowie einer prominenten Route durch die Innenstadt will das Organisationsteam eine maximale Sichtbarkeit für LGBTIQ-Anliegen erreichen.

Am 15. und 16. Juni findet die Zürcher Pridewoche mit dem Zurich Pride Festival seinen Höhepunkt. Bereits Mitte Mai – kurz vor Redaktionsschluss – scheint bei den Organisator*innen alles unter Dach und Fach zu sein. Die Demonstrationsroute ist bekannt und bewilligt, das «Zurich Pride Magazin» frisch ab Druckpresse, und sogar die Medien haben das Thema «Ehe für alle» – die Forderung der diesjährigen Pride – aufgrund einer Serie von bedenklichen Tweets des CVP-Politikers Christian Ineichen bereits aufgegriffen.

Besonders mit der Demonstrationsroute zeigt sich Lea Herzig, Präsidentin des Vereins Zurich Pride Festival, zufrieden. Nach dem gewohnten Start auf dem Helvetiaplatz soll der Demonstrationszug über den Stauffacher und die Sihlbrücke über den Pelikanplatz bis zur Bahnhofstrasse führen, danach über die Sihlstrasse und Sihlbrücke zurück an den Ausgangspunkt.

Der Demonstrationszug führt durch Teile der Zürcher Innenstadt. (Bild: ZHPF)

«Es ist die längste Route, die je bewilligt wurde», freut sie sich. «Die Sitzungen mit der Stadt sind nicht immer einfach, weil beide Seiten unterschiedliche Interessen an den Tisch bringen. Es geht nicht immer reibungsfrei.» Für die Pride sei eine besonders zentrumsnahe Route mit maximaler Sichtbarkeit innerhalb der Innenstadt wichtig. Die Stadt müsse hingegen die Beeinträchtigung des öffentlichen Verkehrs abfedern und die Verfügbarkeit der zur Verfügung stehenden Plätze mit anderen Veranstaltungen und Organisationen koordinieren. So seien dieses Jahr beispielsweise der Bellevueplatz und der Münsterhof bereits belegt gewesen. «Dann wird es schnell eng mit verfügbaren Alternativen», sagt Lea. In letzten Jahren habe der Umzug an Festwagen und Teilnehmenden zugelegt, so dass nicht jeder verfügbare Platz der Stadt als Besammlungs- und Auflösungspunkt in Frage komme.

Keine Werbeplattform für Politiker*innen
Grosse Neuerung an der diesjährigen Pride ist die zweite Bühne auf dem Kasernenareal, das auch dieses Jahr als Festivalgelände dient. Die Bühne befindet sich auf der gegenüberliegenden Seite der Hauptbühne in der Nähe der Infostände und soll der Kultur und der Politik eine Plattform bieten. «Unser Hauptziel ist es, Mitgliedern der Community das Wort zu geben», sagt Lea. Sie sei gespannt, wie das von den Gästen aufgenommen werde. «Geplant sind Beiträge zum Thema Gender und Feminismus, aber auch Diskussionen und Interviews mit den unterschiedlichsten Menschen, etwa zum Thema HIV. Auch sollen künstlerische Darbietungen wie Poetry Slams oder Vorlesungen stattfinden.» Sie sei gespannt, wie diese neue Möglichkeit von der Community aufgenommen werde.
Auf der Hauptbühne sollen keine politische Reden mehr gehalten werden. «Wir möchten vom Konzept wegkommen, dass irgendwelche Politiker*innen auf der Hauptbühne eine Werbeplattform für sich und ihre Partei bekommen», sagt Lea. Stattdessen wolle man politische Forderungen anders einbinden, etwa mit einer Podiumsdiskussion zum Festivalmotto «Same Love, Same Rights» auf der Hauptbühne. Geladene Gäste sind Fachpersonen, die zum Thema «Ehe für alle» diskutieren, darunter Maria von Känel vom Dachverband Regenbogenfamilien sowie Helmut Graupner, der beim Verfassungsgerichtshof die Öffnung der Ehe in Österreich durchgesetzt hat, und GLP-­Nationalrätin Kathrin Bertschy.

An der Zurich Pride wird es erstmals eine zweite Bühne geben. (Bild: ZHPF)

Die FDP als «Zünglein an der Waage»
Die Angst, politische Themen kämen dieses Jahr zu kurz, sei unbegründet, so Lea. «Im Ressort Politik fand kein Abbau statt. Im Gegenteil: So vielseitig Politisches wie dieses Jahr hatten wir noch nie.»
Nach der Abwahl von Ressortleiter Denis Kläfiger an der ausserordentlichen Mitgliederversammlung im Januar hat der Vorstand das Ressort Politik ad interim mit Anne-­Sophie Morand besetzt. Die Präsidentin der Jungfreisinnigen Kriens nehme schon seit drei Monaten ihre neue Aufgabe als Co-­Polit­leiterin wahr, so Lea. Für das Pridemagazin holte Morand Statements verschiedener Politiker*innen ein, darunter ein Bekenntnis von CVP-­Altbundesrätin Ruth Metzler zur Öffnung der Ehe. Dieses veranlasste schliesslich den CVP-Politiker Christian Ineichen dazu, sich via Twitter gegen die «Ehe für alle» zu äussern und so schon Wochen vor der Pride die Diskussion anzustossen. Kurzerhand lud Morand Ineichen an die Zurich Pride ein. Er nahm die Einladung an.

Lea Herzig waltet dieses Jahr zum ersten Mal als Präsidentin an der Zurich Pride.

Ebenfalls für das Pride-Magazin führte die Jungfreisinnige Morand ein Interview mit Petra Gössi, Präsidentin der FDP Schweiz. Schleichwerbung für die FDP? «Keineswegs. Anne-Sophie hat ein wichtiges Bekenntnis zur Eheöffnung aus Petra Gössi herausgekitzelt. In meinen Augen ist ihr Statement unglaublich zentral für unsere Anliegen», sagt Lea. Komme es im Parlament zu einer Abstimmung über die «Ehe für alle», sei eine Allianz mit der bürgerlichen Mehrheit ausschlaggebend. «Dass sich Gössi als eher konservative Person innerhalb der FDP für die Eheöffnung ausspricht, setzt ein bedeutendes Zeichen. Die linken Parteien sind schon auf unserer Seite. Die FDP könnte dabei das Zünglein an der Waage sein.»

Lesbische Acts «eher teuer»
Nebst Politik soll am Zurich Pride Festival auch viel Platz für Unterhaltung und Party sein. So spielen am Festivalgelände unter anderem auch die australische ABBA-Show «Björn Again», Drag-DJane Charlet C. House, DJ Ben Bakson sowie die Berliner Travestiekünstlerin Jade Pearl Baker. Für den Samstag ist dem Organisationsteam ein besonderer Coup gelungen: Es konnte Netta Barzilai, Gewinnerin des diesjährigen Eurovision Song Contests, für die Hauptbühne engagieren. Mit «Betty» holt es zudem eine alternative Rockband aus den USA nach Zürich, bekannt aus der erfolgreichen Frauenserie «The L Word». «Es ist schwierig, lesbische Künstlerinnen zu finden, die zahlbar sind», sagt Lea. Ein Gig, der attraktiv für lesbische und bisexuelle Frauen sei, koste oft das Zwei- wenn nicht Dreifache eines anderen Acts. «Wir wollen Artists, die ein grosses Publikum anziehen können. Deswegen sind wir schon ziemlich stolz, dass wir sowohl Betty als auch Netta an Land ziehen konnten.»

Kommt an die Zurich Pride: ESC-Gewinnerin Netta Barzilai. Bild: Thomas Hanses

Wie letztes Jahr finden am Pridewochenende zwei offizielle Pridepartys statt. Der Eintritt mag mit CHF 30.- ein stolzer Preis sein, bietet aber gemäss Lea das Feiern in zwei Locations: Im Plaza Club gibts Pop und House, im Hive wird zu Elektro getanzt: «30 Franken deckt verschiedene Musikstilrichtungen ab und ist für Zürcher Verhältnisse sogar sehr attraktiv, wenn man bedenkt, dass man Zutritt zu zwei Clubs erhält», sagt sie.

Sparen für Jubiläumsausgabe
Lea und das Organisationsteam hoffen auf ähnliche Rahmenbedingungen wie letztes Jahr: sommerliches Wetter und viele Besucher*innen. Sollte sich auch dieses Jahr ein Gewinn abzeichnen, wäre das eine optimale Voraussetzung für das Festival 2019. Mit dem 25-jährigen Bestehen des Vereins und dem 50-Jahre-Jubiläum der Aufstände von Stonewall – der Geburtsstunde der modernen LGBTIQ-­Bewegung – sei eine grosse Jubiläumsausgabe in Planung. «Da wollen wir noch einen obendrauf setzen», sagt Lea aufgeregt. «Selbstverständlich wollen wir unseres politisches Engagement weiterhin ernst nehmen und Vereine und LGBTIQ-­Organisationen unterstützen.»
Ein besonderes Augenmerk will man dieses Jahr auf die Inklusion von Menschen mit Behinderungen richten. Es wird wieder ein Dolmetscher für Gehörlose im Einsatz sein, an der Demonstration nehmen Tuktuks Menschen mit, die nicht die ganze Strecke laufen können. Ein Stand einer Behindertenorganisation stellt Rollstühle zum Ausleihen bereit. «Allgemein versuchen wir, das Festival barrierefreier zu gestalten», sagt Lea. «Das ist ein längerer Prozess, den wir über die nächsten Jahre in Angriff nehmen.
Für Lea wird es die erste Pride als Präsidentin sein. Dementsprechend rechnet sie nicht damit, dass sie sich am Festivalwochenende gross zurücklehnen und die Pride geniessen kann. «Kommt darauf an, wie man Genuss definiert», sagt sie. «Mich macht es extrem glücklich, ein Teil davon zu sein mit dem Wissen, dass wir alles gemeinsam auf die Beine gestellt haben. Das wird einen Sturm der Endorphine freisetzen.»

Mehr Informationen zur Zurich Pride: zhpf.ch

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