Garrard Conley: «Die Therapie war nichts anderes als Gehirnwäsche»

In «Boy Erased» schildert Garrard Conley seine Erfahrung mit einer christlichen Umpolungstherapie. Das Buch war eine Sensation und wird gerade mit Stars wie Nicole Kidman, Russell Crowe und Lucas Hedges verfilmt. Wir sprachen mit dem Autor über schlechte Eltern, Gott und den tiefen Süden der USA.

Als Garrard Conley 19 Jahre alt war, stellten ihn seine Eltern vor eine Wahl: Entweder er therapiert seine Homosexualität oder sie würden jeglichen Kontakt zu ihrem einzigen Kind abbrechen. Traumatisiert von einer Vergewaltigung und verängstigt, seine Eltern zu verlieren, besuchte er eine zweiwöchige «Umpolung» von «Love in Action» LIA. Die christlich-­fundamentalistische Bewegung, die unter diesem Namen bis 2012 existierte, war davon überzeugt, homosexuelle Männer und Frauen zu Heterosexuellen konvertieren zu können. Garrard brach die Therapie ab. Erst Jahre später gelang es ihm, das Erlebte zu verarbeiten und in Form eines Buchs nieder zu schreiben. Die autobiografische Erzählung «Boy Erased» erschien 2016 und entwickelte sich zum Bestseller, im Februar 2018 wurde die deutsche Übersetzung unter dem gleichen Titel veröffentlicht.

Keine bösen Menschen
Garrard Conley fühlt sich als Glückspilz. Denn im Gegensatz zu anderen Autor*innen, die jahrelang einen Verleger für ihr Buch suchen, hatte er einen Buchvertrag in der Tasche, bevor er das Manuskript überhaupt geschrieben hatte. Die Vertragsunterzeichnung feierte er mit seiner Mutter auf der Dachterrasse einer Bar im liberalen Savannah im US-Bundesstaat Georgia. Einer Frau am Nachbarstisch, die sich nach dem Anlass der Feier erkundigt hatte, erklärte Garrard den Inhalt des geplanten Buches. «Was müssen das für Eltern sein, die das ihrem Kind antun?», erwiderte diese darauf. Garrards Mutter riss sich zusammen, wie «die stolze und wohlerzogene Südstaatenschönheit, die sie ist», sagt er im Gespräch mit der Mannschaft. Erst im Hotelzimmer brach sie in Tränen aus «Die Frau in der Bar meinte es gut», so Garrard. «Trotzdem führte es mir die grosse Verantwortung vor Augen, die mir beim Erzählen meiner Geschichte auferlegt wurde.» Der heute 33-Jährige befürchtete, dass sein Vater und seine Mutter als böse Menschen abgestempelt würden, die ihr Kind psychisch leiden sehen wollen. Nächtelang sorgte er sich darum, wie seine Eltern im Buch wahrgenommen werden. Als er im Rahmen eines Workshops für Autor*innen das Feedback einer Leserin erhielt, dass sie seinen Vater hassen wolle, dies aber nicht tun könne, wusste er, dass er auf dem richtigen Weg war. Garrard ist es gelungen, seine Eltern im Buch nicht als religiöse Karikaturen darzustellen, sondern als komplexe Menschen, die für ihren einzigen Sohn das richtige tun wollen. So trifft es den Leser besonders hart, als Garrard die Szene beschreibt, in der er von einem Mitstudenten geoutet wurde und sich seine Mutter daraufhin übergeben muss. Auch heute denkt er nicht gerne an diesen Moment zurück.

«Kennst du das Gefühl, wenn du nach einem Albtraum erwachst und erleichtert realisierst, dass er nicht echt war? Dieses Erlebnis löste das genaue Gegenteil in mir aus. Eine Realisation, dass der Albtraum echt ist»

Dieses Gefühl habe ihn schliesslich auch dazu bewogen, die Umpolungstherapie über sich ergehen zu lassen. «Wenn sich sogar die eigene Mutter vor dir ekelt, verlierst du alle Hoffnung und willst alles Mögliche tun, um deine Sexualität zu ändern.»

Einschlägiges Rollenbild
Garrard wuchs im Ozark-Plateu, der Hochlandregion im US-Bundesstaat Arkansas, auf. Sein Vater, ein Autohändler und Nachfahre einer einflussreichen Plantagenfamilie, hatte zu Gott gefunden und war als Baptistenprediger ein fester Anker der lokalen Bevölkerung. Garrard genoss seine Kindheit und begleitete seinen Vater auf die Jagd in der Natur, an die Arbeit im Auto­haus oder ins Gefängnis, wo sie Bibeln an die Insassen verteilten.
Mit Ausnahme des Coiffeurs der Mutter gab es im Ozark-Plateau keine sichtbaren Schwulen.

«Im Fernsehen sah man nur eine Gattung schwuler Mann. Derjenige, der in Clubs laufend Sex hat und dann an Aids stirbt»

«Und darüber sprechen dann die Menschen in der Kirche: ‹So ein netter Junge, aber er hat es verdient.›»

Geoutet vom Mitstudenten
Als Jugendlicher hatte Garrard über längere Zeit eine Freundin. Als sie auf Sex drängte, liess er die Beziehung versanden. Nach dem Abschluss der Highschool begann Garrard sein Studium an einem College nicht weit von seinen Eltern entfernt. Es war hier, wo er seine ersten sexuellen Erfahrungen machte, dabei aber von einem Mitstudenten zum Oralsex gezwungen wurde. Derselbe, der später bei seinen Eltern anrufen und ihn outen würde.
Bis heute hat der Vorfall Spuren hinterlassen. «Oft geht es mir monatelang gut, bis es plötzlich mein Sexleben beeinträchtigt. Ich fahre dann meinen Ehemann an und sage ihm, dass er mich nicht berühren soll», sagt Garrard. Oft denkt er auch daran, dass dieser Mitstudent die ganze Geschichte überhaupt ins Rollen gebracht habe. «Ohne ihn hätte ich meine Sexualität vielleicht ein bisschen länger geheim halten können.»

Methoden einer Sekte
Bevor Garrard die Konversionstherapie begann, erhielt er von LIA ein Handbuch mit biblischen Versen und «Regeln». So galten Bilder mit attraktiven oder aufreizenden Männern als «verfänglich» und waren verboten. Ebenfalls untersagt war das Schreiben und Garrards Tagebuch wurde eingezogen. Seinen Eltern zuliebe liess er alles über sich ergehen, obwohl er die Praxis von LIA hinterfragte. «Einige Dinge, die in diesem Handbuch standen, waren total übergeschnappt», sagt er. «Aber ich ignorierte sie. Je länger ich dort war, desto grösser war allerdings der Einfluss, der die vermeintlich übergeschnappten Texte auf mich hatten. Ich verlor die Gewissheit, wer ich wirklich war.»
Der Inhalt des Handbuchs komme den Methoden einer Gehirnwäsche gleich, wie sie etwa von einer Sekte angewendet werde, bestätigte ein Experte Jahre später, als Garrard ihm das Handbuch zeigte. «Das war eine grosse Erleichterung. Und ich dachte schon, ich sei verrückt geworden. Es war nichts anderes als Gehirnwäsche.»

Schwere Langzeitfolgen
Umpolungstherapien stellen oft auch Jahre danach eine enorme psychische Belastung für ehemalige Teilnehmende dar. Nicht selten begehen sie Selbstmord, weil sie die Therapie nicht mit ihrer Sexualität vereinen konnten, oder weil ihr Entschluss, ihre Sexualität offen zu leben, eine Isolierung von Freunden und Familie nach sich zog. Auch Garrard war nicht mit sich im Reinen, als er die Homoheilertherapie abbrach. Im Gegenteil. Über Jahre hinweg versuchte er, das Erlebte hinter sich zu bringen und las im Internet Berichte von anderen ehemaligen Teilnehmer*innen. «Die wenigsten schreiben darüber. Wer nicht Suizid begangen hat, verdrängt seine Erfahrungen», sagt Garrard. Aus diesem Grund habe er beschlossen, seine Geschichte an die Öffentlichkeit zu tragen. Heute setzt sich Garrard nebst dem Schreiben als Aktivist gegen Homoheilertherapien ein. Das sei nicht so einfach, weil sich LIA mittlerweile aufgelöst habe.

«Viele Organisationen, die diese Therapien anbieten, haben sich in den Untergrund verlagert und ihre Fühler in der ganzen Welt ausgestreckt»

Ihre Kraft und ihre Vernetzung untereinander gelte es nicht zu unterschätzen. «Man geht davon aus, dass weltweit 77 000 Jugendliche sich momentan in einer Form von Umpolungstherapie befinden. Über 700 000 Menschen haben eine solche Therapie schon hinter sich, wobei ich überzeugt bin, dass die Dunkelziffer sehr viel höher liegt.»

Erfolg als Schriftsteller bringt Vergebung
Seinen Eltern hat Garrard mittlerweile vergeben. Allerdings sei das auch an seinen Erfolg mit seinem Buch gekoppelt. «Wäre ich ein frustrierter Schriftsteller, der keinen Verlag gefunden hat, sähe das vielleicht anders aus», sagt er. «Wer verbittert ist, lässt es als erstes an seiner Familie aus.» Er habe keine Angst zuzugeben, dass er sich den Erfolg seines Buchs sehnlichst gewünscht habe. «Wir alle hegen Ambitionen, als Schwule tun wir das vielleicht besonders. Denn in unserer Kindheit schreibt man uns heterosexuelle Ideale vor, die wir niemals erreichen können.» Garrards Eltern haben sich mit der Homosexualität ihres Sohnes abgefunden, die Mutter aber um einiges mehr als der Vater. «Meine Mutter hat sich während fünf Jahren fortwährend bei mir entschuldigt. Sie unterstützt mich und meinen Mann», sagt er. «Mit meinem Vater streite ich mich oft, weil wir andere Ansichten haben. Da wir aber viele Interessen teilen, verstehe ich mich gut mit ihm.»

Nicole Kidman als Filmmutter
Nur wenige Monate nach der Ersterscheinung von «Boy Erased» wurden die Filmrechte bereits verkauft. Die Produktion mit Lucas Hedges in der Rolle von Garrard sowie Nicole Kidman und Russell Crowe als seine Eltern ist bereits im Kasten und soll am 28. September 2018 in die US-amerikanischen Kinos kommen. Ein Kinostart für Europa steht noch nicht fest.  «Nicole war wundervoll. Am Set war ich so perplex, dass ich kein Wort herausbrachte», sagt Garrard lachend. «Meine Mutter hingegen ging einfach auf sie zu und sagte ihr: ‹Hey, du spielst mich!›» Nicole Kidman habe ihre Rolle sehr ernst genommen und sich mit seiner Mutter ausgetauscht. «Wir sprachen zwar nicht darüber, aber ich frage mich, ob ihre Ehe mit Tom Cruise und die Verwicklung in Scientology mit der Tatsache zu tun hat, dass sie die Rolle angenommen hat. Schliesslich geht es auch um Gehirn­wäsche sowie um eine Mutter, die ihr Kind vor einer Sekte schützen will.» Garrards Vater war jedoch weniger angetan von Russell Crowe. «Als Russell ihm eine SMS geschrieben hatte, war er noch begeistert», sagt er. «Bis er aber mit seiner ganzen Entourage und den Bodyguards an einem Sonntag in seiner Kirche aufgetaucht ist, um ihn predigen zu sehen. Nicht vergessen, das ist Arkansas. Die ganze Region war aus dem Häuschen.» Der grosse Rummel, den der schwule Sohn des Predigers mit dem Buch und dem Film auslöst, sehe die Kirchgemeinde nicht gerne.

«Mein Vater darf einige Aufgaben nicht mehr wahrnehmen, weil er einen schwulen Sohn hat. Das wird ihm als Versagen angerechnet»

«Ich bin mir nicht sicher, wie er damit umgeht, denn er spricht mit mir nicht darüber. Ich weiss, dass er viel weint.» Ob Garrard noch an Gott glaubt? «Eine sehr komplizierte Frage», erwidert er. Wann immer man die Religion gegen ihn verwendet habe, sei seine Beziehung zu Gott ein bisschen unverständlicher geworden. «Ich weiss nicht, was passiert wäre, wenn man mir erlaubt hätte, einen unverfälschten Bezug zu Gott zu entwickeln. Heute weiss ich nicht mehr, was ich glauben soll. Irgendeine religiöse Erfahrung wäre schön.»

 


«Boy Erased»
Garrard Conley

ISBN: 978-3-906910-26-0
EUR 25.–, CHF 32.–

Was bleibt, wenn einem alles genommen, wenn sogar die Identität ausradiert werden soll? Wie erinnert man sich
an die Zeit, in der man ausgelöscht werden sollte?