CSD Berlin – Warum wir immer noch auf die Straße gehen

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Die BVG beim CSD 2017 (Foto: Kriss Rudolph)
Was wir erreicht haben, ist großartig - nur eben noch nicht alles. Und dass es uns nicht wieder weggenommen wird, ist einer der vielen guten Gründe, warum wir heute in Berlin auf die Straße gehen.

Es ist ein rundes Jubiläum, ein Grund zum Feiern an sich, wenn an diesem Samstag wieder Schwule und Lesben, Bisexuelle sowie trans und inter Menschen sowie ihre Mitstreiter auf die Straße gehen. Zum 40. Mal! Auch wenn es immer noch Journalisten gibt, die von „schrillen Paraden“ reden (shz.de) oder den CSD zu einer „Schwulenparade“ verkürzen (zdf.de), es ist und bleibt eine politische Parade der LGBTIQ-Community. Nicht nur, weil man sich immer wieder bewusst machen muss, dass eine solche Parade wie etwa in Istanbul, in Ugandas Hauptstadt Kampala und vielen anderen Städten immer wieder verboten wird.

Sondern auch weil wir mit der AfD eine Partei haben, die der Selbstinszenierung als Opfer wegen einen Infostand auf dem CSD beantragt hat (wohl wissend, dass sie mit ihren Zielen und Parolen den Zielen des CSD entgegensteht und darum gar keine Chance hatte) und auch, weil ein Teilnehmer Morddrohungen bekommt, weil er in Berlin für orientalische Diversity demonstrieren will. Was ist denn bitte am CSD unpolitisch?

Der CSD war nie eine Eheöffnungsparade

Ich bin diese Woche zweimal in Interviews gefragt worden – wohlmeinend und ein wenig provokativ, wie man das als Journalist so macht – , wofür man denn noch auf die Straße geht, wo doch Schwule und Lesben seit vergangenem Jahr gleichberechtigt heiraten dürfen und Kinder adoptieren können. Vermutlich gibt es viele Menschen, die sich und auch queeren Menschen in ihrem Umfeld diese Frage stellen. Dabei war der CSD nie eine Eheöffnungsparade. Es ging von Anfang an um Sichtbarkeit, darum sich nicht zu verstecken und darum, Respekt einzufordern für die Art, wie man liebt und lebt. Dafür, dass die Gesellschaft akzeptiert: Homo- und Bisexuelle sind auch Menschen.

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Pride in Berlin, auch beim Pharmaunternehmen Bayer (Foto: Mannschaft)

Es war richtig und wichtig, für die Lebenspartnerschaft zu kämpfen und dafür, sie im Jahr 2017 mit der vollständigen Gleichstellung im Eherecht überflüssig zu machen. Aber so wichtig diese Ziele waren: Beim Kampf um Respekt und Gleichbehandlung waren sie eine Etappe, nicht das Endziel.

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Auch die Komische Oper Berlin hat die Regenbogenflagge gehisst (Foto: Kriss Rudolph)

CSD Berlin – im Zeichen der Sichtbarkeit
Noch so eine Frage, die mir diese Woche gestellt wurde: Warum denn die homo- und transphoben Übergriffe immer noch auf einem Rekordhoch seien, trotz der erkämpften Rechte? Weil das in der Wahrnehmung zwei Paar Schuhe sind. Weil die vermehrte Sichtbarkeit von Schwulen und Lesben vielleicht auch mehr Homohasser herausfordert (was freilich kein Grund wäre, sich wieder unsichtbar zu machen). Und weil es dauert, bis es in den Köpfen und den Herzen der Menschen ankommt (ich fürchte, es wird nie bei allen gelingen), dass Schwule und Lesben nicht nur Respekt verdienen und sie gleichberechtigt lieben, leben, arbeiten, wohnen, heiraten etc. dürfen, sondern dass es irgendwann so selbstverständlich ist, dass dies nicht mal mehr thematisiert werden muss.

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Pride in Berlin, auch bei der Deutschen Bank (Foto: Mannschaft)

Ich war kürzlich auf einer Hochzeit von zwei Frauen, und der Bruder einer der Bräute sprach in seiner Rede von nichts anderem als davon, dass seine lesbische Schwester nun eine Frau heiratet, inkl. Mutmaßungen, warum sie denn lesbisch geworden sein mag – anstatt darüber, dass sie einen Menschen gefunden hat, den sie liebt und der sie liebt, und mit dem sie glücklich ist. Er beendete seine Rede sogar mit dem unglaublichen Satz: „Zum Glück ist sie nicht trans, denn so weit sind wir noch nicht.“

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Pride in Berlin, auch bei Bershka am Ku’damm

Eben. In vielen Dingen ist Deutschland noch nicht so weit. Aber das, was wir erreicht haben, ist großartig – nur eben noch nicht alles. Und dass es uns nicht wieder weggenommen wird, ist einer der vielen guten Gründe, warum wir heute in Berlin oder Stuttgart oder bei einem anderen der viele Pride Paraden in Deutschland, Österreich oder der Schweiz auf die Straße gehen.

Happy Pride!

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