LGBTIQ im Jahr 2018 – Wo ist das neue grosse Thema?

CSD Berlin
v.l.n.r. Volker Beck, Gaby Tupper, Kevin Kühnert, Kriss Rudolph, Birgit Bosold, Chris Fleischhauer, Josh Bohling (Foto: Mannschaft)
So lief der erste MANNSCHAFT-Talk im Vorfeld des CSD Berlin, u. a. mit Volker Beck (Grüne) und Kevin Kühnert (SPD).

von Max Treumann

Wir leben in Zeiten einer „erhitzten Debattenkultur“ schrieb der Berliner Tagesspiegel unlängst. Noch bevor die CSU demonstrierte, wie erhitzt diese „Kultur“ geworden ist. Ähnlich wie in der Politik zwischen Schwesterparteien geht es in der LGBTIQ-Community zu, zwischen Gruppierungen, die eigentlich Verbündete sein sollten, es aber nicht (mehr) sind. Entsprechend fliegen seit einer Weile die ideologischen Fetzen. Gerade in Berlin flogen sie besonders intensiv, teils mit wilden Protesten im Veranstaltungsort und lauten Demonstrationen davor. Meist lauteten die Vorwürfe: Ausgrenzung von Untergruppierung (bis hin zur Transphobie) und Rassismus.

Verglichen mit vielen dieser Hau-drauf-Debatten, wo ein fairer Gedankenaustausch kaum mehr möglich scheint, war das neue Format „MANNSCHAFT-Talk im BKA“ überraschend zivilisiert. Das lag zweifellos am Moderator Kriss Rudolph, der kaum zuspitzte und anfeuerte, sondern Ausgleich suchte, wo viele Queer-Aktivisten bewusst den Eklat angesteuert hätten. Rudolph und seine sechs Gäste haben sich allerdings auch einer auffallend breiten Palette von Themen angenommen, die man in Einzel-Talks hätte diskutieren können bis an die Schmerzgrenzen, wo der pauschale Konsens aufhört und sich die wirklichen LGBTIQ-Gräben auftun. Soweit kam es aber nicht.

Stattdessen kamen viele persönliche und teils bewegende Geschichten von den Gästen, die allesamt politisch bestens informiert waren (na ja, fast alle): Urgestein Volker Beck von den Grünen, SPD-Jungstar Kevin Kühnert, Schwules-Museum-Vorstand Birgit Bosold, MISS*ter CSD Berlin Gaby Tupper, Neu-FDP-Mitglied und ARD-Lottofee Chris Fleischhauer sowie Trans*-Mann Josh Bohling, LGBTIQ-Ansprechperson bei der Bundespolizeidirektion Berlin. Sie alle erzählten etwas zu ihren Arbeits- und Politikbereichen: zum Transsexuellengesetz, zu lesbischer Sichtbarkeit, zu Sahra Wagenknecht und Sigmar Gabriel, zur AfD beim Berliner CSD, zu Begrifflichkeiten wie „Transe“, „Tunte“ und „trans Person“ usw.

Aus der Fülle der Themen, die gestreift wurden, blieben bei mir vor allem drei in Erinnerung. Erstens: Wie können wir die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die seit 1948 im Grundgesetz vorgeschrieben ist, in eine gesellschaftliche und politische Realität umsetzen, auch innerhalb der LGBTIQ-Community? Was können schwule Verbände tun, wenn sie sich für Lesben öffnen wollen, die Strukturen und das Personal dafür aber erst mal nicht vorhanden sind? Volker Beck berichtete von der schwierigen Umstrukturierung des LSVD, in dessen Vorstand er 14 Jahre lang war, von der Notwendigkeit, dass schwule Männer dort gezielt Frauen suchen mussten, um ein einigermaßen ausgewogenes Verhältnis hinzubekommen.

Entweder ist man unsichtbar oder Opfer

Von Unausgewogenheit könnte auch Bosold ein Lied singen, war sie doch viele Jahre die einzige Frau im Vorstand des Schwulen Museum und kämpfte dort für eine neue Balance der Geschlechter. Sie plädierte auch für eine allgemeine „Demokratisierung der Kultur“, soweit diese mit öffentlichen Steuergeldern finanziert wird – Steuern, die alle zahlen, auch Frauen. Sie verwies darauf, dass im gesamten Deutschen Historischen Museum nur fünf Objekte etwas zu schwuler Geschichte erzählen, drei davon zu finden in der NS-Abteilung als Beispiele von Verfolgung und Unterdrückung; Objekte zu lesbischer Geschichte gibt es gar nicht. Als hätte es in der deutschen Geschichte keine Lesben gegeben. Eine Situation, die an vielen anderen Museen nicht anders ist: Entweder ist man unsichtbar oder Opfer. Was für ein Bild vermittelt das bei Schulklassen, die durch solche Institutionen geschleust werden? Wo bleiben da die Gleichberechtigung und der Bildungsauftrag?

Wer lädt die AfD zu sich nach Hause ein?
Zweitens wurde über den CSD Berlin am kommenden Samstag gesprochen und die Rolle, die die AfD dabei spielen sollte oder eben nicht. Bekanntlich wurde die Teilnahme der AfD-Jugend „Junge Alternative“ vom CSD e.V. abgelehnt. Zwar äußerte ein junger Mann im Publikum, dass er es gut fände, wenn man die AfD nicht abschotte und ihr erlaube eine Opferrolle einzunehmen, sondern sie stattdessen mit der restlichen Community konfrontieren würde. Dem entgegnete Volker Beck, dass er es zwar begrüße, wenn die AfD in öffentlichen Diskussionen Rede und Antwort stehen müsse. Aber: Der CSD sei „das private Wohnzimmer der Gay Community“, und man müsse jemanden vor der AfD ja nicht zu sich nachhause aufs Sofa einladen. Der CSD stehe außerdem für zentrale Werte, die die AfD ablehne. Also könne sie auch nicht auf dem CSD mitmarschieren hinter einem Slogan, den die nicht teile.

CSD Berlin
v.l.n.r. Volker Beck, Gaby Tupper, Kriss Rudolph

Eine der interessantesten Fragen kam am Ende aus dem Publikum: Woran arbeiten wir jetzt, nach der Ehe für alle? Gibt es das eine große neue Thema, von dessen Umsetzung alle profitieren könnten, oder kommen jetzt nur noch Partikularinteressen? Gaby Tupper sprach von ihrem bislang noch uneingelösten Traum, dass alle Menschen ihr Leben angstfrei leben können sollten, so wie sie wollten. Von diesem großen Ziel seien wir noch weit entfernt, auch in Deutschland.

LGBTIQ-Gruppen international stärker unterstützen?
Volker Beck meinte, die schwul-lesbische Community solle sich für die Gleichbehandlung und Gleichberechtigung von anderen Minderheiten einsetzen, also eine Art Rollenwechsel durchführen – von den ehemals selbst Ausgegrenzten zu den Helfern von anderen. Laut Beck und Kühnert gelte das grundsätzlich für die LGBTIQ-Community in Westeuropa und den USA, die mehr Verantwortung für Menschen im globalen Süden übernehmen und LGBTIQ-Gruppen dort stärker unterstützen sollte. Kühnert meinte: Es sei Zeit den Blick zu weiten, globaler zu denken und zu agieren.

Selbstzerfleischung der linken queeren Szene
Eine Ahnung, warum solch globales Agieren momentan eher utopisch ist, weil man sich hier innerhalb der Community in Kleinkriege verwickelt, bekam man bei einer abschließenden Bemerkung von Josh Bohling. Er erzählte, dass er bei der Bundespolizei arbeite, sei für viele seiner Freunde und Freundinnen ein Problem, egal ob er bei der Polizei helfe in Fragen gleichgeschlechtlicher Lebensweisen und bei der Transition von vielen Mitarbeiter*innen, die zu ihm kommen. Statt ihn bei seiner Arbeit zu unterstützen, habe sogar in drei linken Berliner LGBTIQ-Bars Hausverbot: weil er bei der Polizei ist. Über die Selbstzerfleischung der linken queeren Szene wurde an anderer Stelle schon ausführlich berichtet. Ich würde gern bei einem nächsten MANNSCHAFT-Talks von Bohling mehr dazu hören, auch dazu, wie er und seine lesbische Frau damit umgehen, dass sie nach Bohlings Transition nun als „heterosexuell“ wahrgenommen werden, obwohl sie zuvor „glücklich lesbisch“ waren. Sie nennen sich jetzt ein „queeres“ Ehepaar.

Erfrischend: Kühnert und Beck im Doppelpack
Es kamen so viele Punkte zur Sprache, dass man daraus endlos viele tiefergehende Artikel machen sollte. So erfuhr man von Birgit Bosold, wieso das Schwule Museum irgendwann ein Queer Museum sein sollte und welchen Vorteil das hätte. Und man merkt dort auch, dass der FDP-Parteibeitritt aus unserer ARD-Lottofee keinen politischen Vorkämpfer gemacht hat. Das Formulieren von politischen Botschaften kann Kevin Kühnert deutlich besser, auch wenn er mit schwarzen Shorts und Turnschuhen noch nicht so recht den Staatsmann abgibt; gerade das macht aber seinen Charme aus. Seine Eloquenz und sein Wissen beeindrucken auf alle Fälle. Und ihn im Doppelpack mit Volker Beck zu erleben, hatte etwas erfrischendes, als würde eine große Tradition weitergereicht werden.

So viel Übereinstimmung war selten

Krawall blieb aus, sogar offenen Streit gab es nicht. Alle sechs Gesprächsteilnehmer*innen schienen weitgehend mit den Positionen der jeweils anderen übereinzustimmen oder zumindest nicht vehement dagegen protestieren zu wollen. Das war für mich nach Jahren der Hau-drauf-Debatten im queeren Berlin fast eine Überraschung. Denn es ist nicht so, als gäbe zwischen Birgit Bosold als lesbischer Vorständin des Schwulen Museums und schwule Mitarbeitern keine Konflikte (siehe MANNSCHAFT Ausgabe Juni 2018, hier geht’s zum Abo (Deutschland) – und hier auch (Schweiz).). Es ist auch nicht so, dass noch niemand zur FDP Kritisches gesagt hätte: trotzdem wurde mit dem FDP-Neumitglied Chris Fleischhauer (bekannt als ARD-Lottofee) sehr zahm umgegangen, egal wie lapidar seine politischen Statements. Und Juso-Chef Kevin Kühnert wirkte teils so, als sei er in der gleichen Partei wie der Grüne Beck. So viel Übereinstimmung war selten; aber auch das war erfreulich.