LGBTIQ-Geflüchtete in Thessaloniki: D.M.

Das Porträt über D.M. aus dem Kongo ist Teil unserer Serie über LGBTIQ-Flüchtlinge in Thessaloniki, die von der Supportgruppe Eclipse betreut werden.

D.M. kann sich an das genaue Datum erinnern, an dem er das Mittelmeer überquerte: der 19. Dezember 2016. Die Schlepper wurden ihm von flüchtigen Bekannten vermittelt und verlangten 600 US-Dollar. Aufgrund der unruhigen See harrten die Passagier*innen die ganze Nacht im Wald aus. Doch auch am nächsten Vormittag wollte sich das Meer nicht beruhigen. Um 15 Uhr beschlossen die Schlepper schliesslich trotzdem, die Überfahrt zu wagen – in einem Gummiboot. «Aufgrund des Winters war es sehr schwierig. Wir haben unser Leben aufs Spiel gesetzt», sagt er auf Französisch. «Doch wir haben es geschafft.»

Seit der 37-jährige Kongolese denken kann, wurde er aufgrund seines Andersseins ausgegrenzt und angegriffen. «Ich scherte mich nie um die klassischen Dinge, für die sich Jungs interessieren», sagt er. Für Sport konnte er sich nie begeistern. «Schon nur in meinem Verhalten war ich anders.» Homosexualität im Kongo ist – wie in vielen afrikanischen Ländern – ein Tabu, das man laut D. M. immer zu verstecken versuche. «Etwas, das unafrikanisch ist und nicht existiert», sagt er.

«In Afrika schwul zu sein, ist ein grosses Problem.»

Schon nur auf der Strasse musste sich D. M. stets Beschimpfungen anhören. Pédé, Schwuchtel. Jedes Mal traf es ihn hart, wie ein Messer in den Bauch. Manchmal war es nur eine Person, manchmal mehrere, manchmal griff ihn jemand ohne Grund an. Falls er sich wehrte, kam nicht selten eine zweite Person angerannt. Um dem Angreifer zu helfen.

D. M. studierte Pädagogik und arbeitete als Nachhilfelehrer für eine Schule. Über Jahrzehnte hinweg ertrug er das Mobbing auf der Strasse und das Getuschel seiner erweiterten Familie. Als seine Eltern starben, riss sein Onkel das Familienhaus an sich und verkaufte es. Als einziger Sohn wäre das Haus rechtlich an D. M. gegangen, seine beiden Schwestern hatten keinen Anspruch auf das Erbe. Doch die Familien seines Vaters und seiner Mutter gaben D. M. die Schuld am Tod seiner Eltern.

«Sie sagten, dass ich ein Hexer sei, weil ich schwul bin. Ich hätte mit meiner Magie meine Eltern umgebracht»  

Als er seinen Onkel zur Rede stellen wollte, heuerte dieser Auftragskiller an, die mit Messern auf ihn losgingen. Er zeigt auf eine mehrere Zentimeter lange Narbe auf seinem Unterarm. Eine Freundin seines Vaters verhalf D. M. schliesslich zur Flucht. Mit dem Flugzeug gelangte er nach Istanbul und schliesslich in die Küstenstadt Izmir, wo er die Schlepper anheuerte.
Im Camp auf Lesbos erging es D. M. besser als Ahmed oder Natasha. Er lernte eine Freiwillige aus Algerien kennen, die für das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen UNHCR arbeitete. Nachdem sie seine Geschichte gehört hatte, organisierte sie ihm eine Unterkunft in einem der vielen Hotels, die im Zuge der Flüchtlingskrise für besonders verletzliche Flüchtende bereitgestellt wurden.

Die Supportgruppe Eclipse kümmert sich um LGBTIQ-Flüchtlinge in Thessaloniki.

Nach seinem Asylverfahren wurde D. M. schliesslich in ein weiteres Camp nach Volvi verlegt, knapp eine Stunde von Thessaloniki entfernt. Über einen Rechtsberater hörte er letztes Jahr erstmals von Eclipse. Regelmässig nimmt er die stündige Busfahrt nach Thessaloniki auf sich, um an den Aktivitäten der Supportgruppe teilnehmen zu können. Eclipse übernimmt den Fahrpreis. D. M. ist beim Gespräch besonders aufgeregt. In Kürze darf er in eine WG ziehen, die ihm durch das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen vermittelt wurde. Noch fühlt er sich in Griechenland nicht wirklich wohl. «Ich leide immer noch hier oben», sagt er und zeigt auf seinen Kopf. Er sehnt sich nach einem Partner und möchte bald mit Arbeiten beginnen, um seine Schwestern im Kongo finanziell zu unterstützten.

«Aber Eclipse», sagt er und zieht mit seinen Armen imaginäre Kreise, «macht mich glücklich. Hier sind meine Freunde.»


Redaktor Greg Zwygart hat Eclipse in Thessaloniki besucht und sich von der Supportgruppe überzeugen können. Bis 31. August 2018 sammelt die Mannschaft Geld, um Eclipse bei der Arbeit zu unterstützten. Jeder Betrag hilft: Sei es, um den Fahrpreis für den Bus nach Thessaloniki zu bezahlen, sei es für das Bereitstellen von Lebensmitteln oder das Organisieren von Unterkünften. Hier gehts zu unserer Sepndenkampagne.

Mehr Porträts liest du hier: mannschaft.com/eclipse

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