LGBTIQ-Geflüchtete in Thessaloniki: Miro

Zum Schutz von Miro veröffentlichen wir sein Gesicht nur in unserer Printausgabe. (Bild: Greg Zwygart)
Das Porträt über Miro aus dem Irak ist Teil unserer Serie über LGBTIQ-Flüchtlinge in Thessaloniki, die von der Supportgruppe Eclipse betreut werden. Bitte unterstütze auch du ihre Arbeit mit einer kleinen Spende.

Nur wenige Kilometer trennen die griechische Insel Samos in der östlichen Ägäis von der Türkei. Die Meerenge von Mykale, die an ihrer engsten Stelle nur eine Meile breit ist, zählt nachts zu den beliebtesten Transitrouten für Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa. Es ist der Ort, an dem die türkische Küstenwache vor knapp einem Jahr ein Flüchtlingsboot rammte und an der Überfahrt hindern wollte. Doch die auf engstem Raum zusammengepferchten Menschen wehrten sich. Einige hatten zur Verteidigung Steine mitgenommen, mit denen sie nun die Küstenwache bewarfen. Die Strategie ging auf und das Flüchtlingsboot konnte sich in griechische Gewässer retten.

An Bord dieses Boots befand sich Miro. Der Name gefällt dem Mittdreissiger, weshalb er ihn als Pseudonym für diesen Artikel gewählt hat. Für einen Gross­teil seines Lebens war es dem grossgewachsenen Iraker gelungen, seine Homosexualität hinter seiner tiefen Stimme und einem männlichen Erscheinungsbild zu verstecken. Er heiratete eine Frau und führte in Bagdad ein kleines Geschäft, in dem der studierte Musiker Instrumente reparierte und Musikunterricht gab.

Alles, was nicht den Werten und der Moral der islamischen Welt entspricht, wird im Arabischen mit Haram bezeichnet. Das Wort kann mit Sünde oder Scham übersetzt werden und kommt für einen gläubigen Moslem einem Verbot gleich. Der Verzehr von Schweinefleisch ist Haram, ebenso der Alkoholkonsum, Ehebruch und das Führen gleichgeschlechtlicher Beziehungen.

Auch die Pornografie ist Haram. Miro machte sich also keine weiteren Gedanken, als er vor ein paar Jahren einen Verkäufer von Pornos nach schwulen Filmen fragte. Er hatte sich von seiner Frau getrennt und tastete sich langsam an seine Sexualität heran. «Damals hatten wir gar kein bis nur ganz schlechtes Internet», erinnert er sich. «Pornografie war nur auf der Strasse erhältlich und ich verstand nicht, weshalb man solche Filme nicht auch mit Männern kaufen konnte.»

Sie haben mein Gesicht komplett demoliert.

Der DVD-Verkäufer meldete Miros Vorlieben an eine Schlägertruppe, die ihn – verkleidet als Polizisten – in seinem Geschäft überfiel. Nachdem sie von ihm Schutzgeld bezogen hatten, schlugen sie auf ihn ein. Mit einem mehrmals gebrochenen Kieferknochen brachte ihn ein Freund ins Krankenhaus. «Sie haben mein Gesicht komplett demoliert», sagt er und zeigt auf seine untere Gesichtshälfte.

Nach dem Überfall begann Miro, im Fitnessstudio Gewichte zu stemmen. «Ich war stets schmal gebaut», sagt er. Sollten die Schläger jemals zurückkehren, wollte er sich wehren können. «Schliesslich brachte ich 103 Kilo auf die Waage. So leicht konnte man mir nichts mehr anhaben.»

Das merkten auch die Schläger, die Miros Geschäft nach einer Weile wieder heimsuchten. Sie brachten Pistolen mit und schossen Miro in den Rücken und in den Oberschenkel. Er zieht die kurzen Hosen hoch und zeigt eine hässliche Narbe knapp unter dem Leistenknochen.

Miro beschloss die Flucht. Von Bagdad flog er nach Istanbul, wo er sich auf den Weg an die türkische Küste machte. Hier lernte er seinen Freund kennen, der ebenfalls aus dem Irak floh. «Er ist 18 Jahre alt und ganz klein im Vergleich zu mir. Ich konnte ihn oft beschützen», sagt er stolz. Scheu fügt er hinzu: «Und er mag mich!»

Gemeinsam gelang den beiden die Flucht nach Samos, wo sie im Flüchtlingslager ein Zelt teilten. Das missfiel den anderen Geflüchteten, mehrheitlich Syrer und andere Iraker, die Miro und seinen Freund bedrohten. «Ein Mann kam mit einem Messer in unser Zelt und sagte, dass auch Frauen und Kinder im Camp seien. Es gebe hier keinen Platz für uns.»

Im Asylverfahren versuchte Miro, dem UNO-Kommissariat für Flüchtlinge UNHCR seine Situation zu erklären. Doch der zuständige Dolmetscher sprach schlecht Englisch und fand die passenden Worte für Miros Anderssein nicht. Über einen Freund in Europa erhielt Miro telefonischen Beistand einer Flüchtlingsorganisation, die Miros Geschichte auf Englisch übersetzte. «Die UNO hat mir aber überhaupt nicht geholfen», sagt er. «Als ich ihnen sagte, dass ich LGBTIQ sei, haben sie mich einfach ausgelacht.»

Sie wussten zwar nicht, dass ich schwul bin, aber sie mochten meine Tätowierungen nicht, und dass ich in der Bar Alkohol trank.

Im Laufe des Asylverfahrens wurde Miro von seinem Freund getrennt und in ein Flüchtlingslager in die griechische Stadt Veria versetzt, wo er einen Container mit sieben anderen Flüchtlingen teilte. Für sie war Miro der Inbegriff von Haram. Als er schlief, schütteten sie heissen Tee über ihn. «Sie wussten zwar nicht, dass ich schwul bin, aber sie mochten meine Tätowierungen nicht, und dass ich in der Bar Alkohol trank.»

Miro ist es wichtig zu erwähnen, dass er nicht von allen Flüchtlingen schlecht behandelt wurde. Der Freund, der ihn nach dem ersten Überfall ins Krankenhaus gebracht hatte, war ebenfalls geflüchtet und lebt nun mit seiner Familie in Athen. «Jedes Mal, wenn ich sie besuche, bleibe ich einige Nächte dort», sagt er. «Sie laden mich zum Essen ein und geben mir sogar einen Schlüssel, falls ich nachts raus möchte. Sie akzeptieren mich.»

Seit wenigen Monaten lebt Miro nun in Thessaloniki in einer Wohnung mit anderen LGBTIQ-Geflüchteten. «Die Wohnung habe ich nur dank Alex von Eclipse, sie hat so viel für mich getan!», sagt er. Er hofft, seinen Freund bald nach Thessaloniki bringen zu können.
Den anderen Flüchtlingen bei Eclipse bringt Miro Selbstverteidigung bei. Die Supportgruppe hat dafür eigens einen Boxkurs eingeführt. Was ihm an Eclipse besonders gefällt, ist die Freiheit, so sein zu können, wie er ist. «Und dass es auch andere gibt, die so sind wie ich.»


Redaktor Greg Zwygart hat Eclipse in Thessaloniki besucht und sich von der Supportgruppe überzeugen können. Bis 31. August 2018 sammelt die Mannschaft Geld, um Eclipse bei der Arbeit zu unterstützen. Jeder Betrag hilft: Sei es, um den Fahrpreis für den Bus nach Thessaloniki zu bezahlen, sei es für das Bereitstellen von Lebensmitteln oder das Organisieren von Unterkünften. Hier gehts zu unserer Spendenkampagne.

Mehr Porträts liest du hier: mannschaft.com/eclipse